Berührungsängste abbauen

Polizeiausbildung: Anwärter und Menschen mit Behinderung tauschen sich aus

Wie soll die Polizei mit Rollstuhlfahrern umgehen? Das erklärte Markus Häusling den Polizeianwärtern (von links) Sophie Georg, Eric Timm und Christian Kuhl. Fotos:  Pflüger-Scherb

Kassel. „Nicht jeder Rollstuhlfahrer ist auch ein guter Mensch“, sagt Markus Häusling. Der Justizvollzugsbeamte der JVA Kassel I ist aufgrund einer Erkrankung seit elf Jahren selbst auf einen Rollstuhl angewiesen.

Man dürfe nicht den Fehler machen und davon ausgehen, dass alle Rollstuhlfahrer wehrlos seien. Das sagte Häusling am Dienstag zu den 115 Polizeianwärtern, die im zweiten Semester an der Hessischen Hochschule für Polizei am Standort in Niederzwehren studieren.

Unter dem Motto „Menschlichkeit verbindet“ hat dort die Bereitschaftspolizei zum ersten Mal im Rahmen der Polizeiausbildung einen großen Aktionstag mit Vorträgen, Rollenspielen und Gesprächen organisiert, bei dem sich die Studenten mit Menschen mit Behinderung austauschen konnten. Ziel sei es, neben der Erlangung von sozialer Kompetenz in diesem Grundlagentraining auch Berührungsängste abzubauen, sagt Polizeihauptkommissarin Sandra Röhrscheid.

Wie funktioniert Blindenschrift? Das zeigte Dietmar Hillesheim den Polizeischülern. Der Justizangestellte ist Protokollführer beim Landgericht Kassel.

Der Umgang mit behinderten Menschen sei auf der Polizeischule schon immer theoretisch abgehandelt worden. Seit 2010 stehe auch der praktische Umgang mit Menschen mit Handicaps auf dem Lehrplan. Hör- und Sehbehinderungen, aber auch psychische Beeinträchtigungen seien für Polizisten nicht auf Anhieb zu erkennen, so dass es leicht zu Problemen in der Kommunikation kommen könne, sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Hildenbeutel. Auch die Frage, welche Hilfe Menschen mit Behinderungen von der Polizei benötigen, löse oft Unsicherheit aus. Um Missverständnisse später im Dienstalltag zu vermeiden, sollen die Anwärter in ihrer Ausbildung sensibilisiert werden.

Rollstuhlfahrern traue man weniger eine Straftat zu als Menschen ohne Behinderung, sagt Anwärterin Sophie Georg. Man habe mit ihnen mehr Mitleid. Und einen „gewissen Respekt, aus Angst etwas falsch zu machen“, fügt Student Christian Kuhl hinzu.

„Eine Behinderung schützt nicht vor Straftaten“, klärt Rollstuhlfahrer Häusling die Polizeianwärter auf. Es sei wichtig, dass man sich von den Betroffenen nicht nur den Personalausweis, sondern auch den Behindertenausweis zeigen lasse.

Ein Teil der Anwärter hat sich im Vorfeld des Aktionstages mit Stotterern getroffen und ausgetauscht. „Das ist eine Win-Win-Situation“, sagt Hildenbeutel. Die Stotterer hätten die Scheu vor der Polizei verloren und trauten sich künftig auch eher, bei Bedarf den Notruf zu wählen. Und die Anwärter hätten gelernt, wie man sich durch eine beruhigende Kommunikation mit den Betroffenen besser verständigen könne.

Der Justizangestellte Dietmar Hillesheim hat den Polizeianwärtern die Grundzüge der Blindenschrift näher gebracht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Polizisten in ihrem späteren Dienst erneut auf Hillesheim treffen, ist groß. Der blinde Mann ist nämlich Protokollführer beim Landgericht Kassel.

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