Integrationsbeauftragter aus Kassel im Interview

„Das Klima wird schlechter“ - Polizist über den Umgang mit Flüchtlingen

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Demonstration auf dem Königsplatz: Vor zwei Wochen haben rund 500 Türken gegen den Putschversuch in der Türkei protestiert. Die Polizei hat versucht, darauf Einfluss zu nehmen, dass die öffentlichen Forderungen auf Deutsch formuliert werden.

Kassel. Sie sollen Misstrauen, Vorurteile und Ängste von Deutschen und Migranten abbauen. Doch das wird zunehmend schwerer. Ein Kasseler Migrationsbeauftragter im Interview.

Außerdem sollen die Beauftragten Flüchtlinge darüber aufklären, welche Rechte und Pflichten die Polizei in Deutschland hat. Sie sollen ihre Kollegen beraten, wenn es aufgrund von kulturellen Ursachen bei Einsätzen zu Problemen mit Migranten kommt.

Die Aufgaben der beiden Migrationsbeauftragten im Polizeipräsidium Nordhessen sind vielschichtig. Wir sprachen mit Polizeioberkommissar Hakan Sahin, der diesen Job seit einem Jahr macht.

Die jüngsten Terroranschläge von Flüchtlingen und der Amoklauf eines jungen Deutschen mit iranischen Wurzeln in München haben viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Hinzu kommen demonstrierende Türken, die auch in Kassel für den türkischen Präsidenten Erdogan auf die Straße gehen. Wie empfinden Sie derzeit die Stimmung? 

Hakan Sahin

Hakan Sahin: Das Klima in der Bevölkerung wird zunehmend schlechter, ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen. Kürzlich war eine junge Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund mit ihrem Freund in Kassel in einem Restaurant. Die Frau trägt kein Kopftuch und kleidet sich ganz normal, hat aber schwarze Haare und eine dunklere Hautfarbe. Plötzlich kam eine Gruppe von Rentnern auf sie zu und sagte zu ihr: Ihr Scheißtürken, macht euch ab in die Türkei.

Bei vielen Kasselern ist es jüngst nicht gut angekommen, dass Türken auf dem Königsplatz auf Türkisch für ihren Präsidenten demonstriert haben. Haben Sie mit den Demonstranten vorher geredet? 

Sahin: Ich war auch auf dem Königsplatz und habe mit einem verantwortlichen Imam sprechen können. Wir machen den Verantwortlichen schon klar, dass es besser wäre, dass die Demonstranten ihre Forderungen auf Deutsch formulieren. Zum Teil ist das ja auch beherzigt worden. Allerdings fallen einige dann aus emotionalen Gründen in ihre Muttersprache zurück oder weil sie einfach Sprachprobleme haben. Viele sprechen bei Stress und Hektik lieber Türkisch.

Im vergangenen Jahr hatte man bei Demos oft den Eindruck, dass Kurden und Türken ihre Probleme, die sie in der Heimat haben, auf Kassels Straßen fortsetzen. 

Sahin: Wir sprechen mit den Leuten und sagen ihnen auch, dass sie diese Konflikte nicht einfach nach Deutschland bringen können. Politisches Leid sollte nicht importiert werden, was im Rahmen der vertrauensbildenden Maßnahmen mit Flüchtlingen auch in diesem Bereich vermittelt werden soll.

Welchen Zweck haben die Polizeibesuche in den Erstaufnahmeeinrichtungen? 

Sahin: Da geht es erst einmal um ganz einfache Sachen. Wir erklären den Menschen, wie die Polizeiuniformen in Hessen und die Ausweise der Beamten aussehen, wie sie einen Notruf abgeben können und welche Angaben sie dabei machen müssen. Und wir wollen ihnen klar machen, dass die Polizei bei uns nach rechtsstaatlichen Vorgaben arbeitet. In vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge ist die Polizei nicht unbedingt Botschafter der Demokratie. Dort haben die Menschen Angst vor der Polizei. Wir wollen den Flüchtlingen klar machen, dass in Deutschland die Polizei dazu da ist, um den Bürgern zu helfen.

Die Kasseler Polizei ist in den vergangenen Monaten regelmäßig zu Unterkünften gerufen worden, da es zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen gekommen ist. 

Sahin: Das ist richtig. Viele der jungen Flüchtlinge geben an, schlimme Erfahrungen im Herkunftsland gemacht zu haben. Aber etwaige psychische Traumata bei einem Teil der überwiegend männlichen Flüchtlinge dürfen hierbei allerdings nicht als Rechtfertigung missverstanden werden. Denn solche Verhaltensweisen werden auch in den Herkunftsländern nicht toleriert.

Welche Reaktionen erleben Sie von Deutschen auf Flüchtlinge? 

Sahin: Ich arbeite auch im Polizeiladen in der Innenstadt und da sind schon einige Bürger reingekommen und haben gesagt, dass die Flüchtlinge für die vielen Einbrüche in der Stadt verantwortlich seien. Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger ist gestört. Das wird bei vielen Menschen so aufgefasst. Vielmehr haben wir die Erfahrung gemacht, dass reisende Tätergruppierungen für eine Vielzahl von Einbrüchen verantwortlich waren. So versuchen wir auch, Vorurteile bei der heimischen Bevölkerung abzubauen.

Was aber sicher derzeit gar nicht so einfach ist. 

Sahin: Das stimmt, es ist ja auch schlimm, was in jüngster Zeit alles passiert ist. Da die Medien breit darüber berichten, fokussiert sich die Bevölkerung aber darauf. Dennoch sollte man mit kühlem Kopf an die Sache herangehen und sich nicht zu sehr beeinflussen lassen.

Der Anteil der muslimischen Bevölkerung nimmt zu. Wie reagiert die Polizei darauf? 

Sahin: Wir sind derzeit damit beschäftigt, mit der Stadt Kassel, dem Deutschen Roten Kreuz und unserem Polizeipfarrer eine Notfallseelsorge für Muslime aufzubauen. Muslime reagieren zum Beispiel auf Todesnachrichten ganz anders als Menschen westlicher Kulturen. Sie sind viel emotionaler. Ausschlaggebend war ein Vorfall im Klinikum Kassel vor zwei Jahren, wo ein schwer verletzter Afghane nach einem Unfall behandelt wurde. Plötzlich waren da 20 aufgebrachte Angehörige, die in der Klinik für Tumult sorgten. Aufgabe der Notfallseelsorge soll es dann auch sein, Einsatzkräfte bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und zwischen den Parteien ein Verständnis für die zu treffenden Maßnahmen zu vermitteln.

Zur Person: 

Polizeioberkommissar Hakin Sahin (35) wurde in Nordrhein-Westfalen geboren und wuchs in Kassel auf. Sahin, dessen Eltern aus der Türkei stammen, ist deutscher Staatsbürger. Nachdem er sein Abitur an der Herderschule gemacht hatte, begann er 2001 sein Studium bei der hessischen Polizei. Nach dem Abschluss war er von 2003 bis 2014 bei der Bereitschaftpolizei in Niederzwehren. Anschließend wechselte er für ein Jahr ins Polizeirevier Südwest nach Baunatal. Seit August 2015 ist Sahin Migrationsbeauftragter im Polizeipräsidium Nordhessen. Er ist verheiratet und lebt in Kassel.

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