Flüchtling macht bei „Siehste“ in Kassel

Praktikum beim Optiker: Ein Somali kriegt den Durchblick

Gründlicher Arbeiter in der Werkstatt: Hassan Ahmed Issa aus Somalia wird bei Optiker „Siehste“ in der Kasseler Innenstadt in seinem erlernten Beruf nachqualifiziert. Inhaber Olaf Rotermund will seinen besonderen Praktikanten bis Mai auf den Stand bringen, den ein in Deutschland ausgebildeter Optiker hat. Foto: Rudolph

Kassel. Hassan Ahmed Issa kennt so manche Vokabel, die selbst Deutschen nicht geläufig ist: „Stegplättchen“, „Bügelanschlag“ oder „Scheitelbrechwertmesser“ zum Beispiel.

Zugegeben, das kommt dem 33-Jährigen aus Somalia noch etwas holprig über die Lippen. Aber er weiß, was zu tun ist, wenn die Kollegin ihm zuruft: „Zeichne mal die Gläser an.“ Dann markiert er auf dem Brillenglas den optischen Mittelpunkt - also die Stelle, wo der Träger durchguckt.

Der junge Mann, der vor fünf Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam, macht derzeit ein von der EU gefördertes Praktikum bei „Siehste Brillen und Linsen“ an der Wolfsschlucht. Eigentlich ist Issa schon Augenoptiker. Seine Ausbildung machte er in Syrien, weil es in seinem Heimatland den Optikerberuf nicht gibt. Das syrische Zertifikat wird in Deutschland aber nicht voll anerkannt. Deshalb braucht er eine sogenannte Anpassungsqualifizierung – um auf den Stand zu kommen, den ein Optikergeselle in Deutschland hat.

„Ich kann hier viel lernen“, sagt der Somali. In der Werkstatt misst er Stärken, schleift Gläser und passt sie in die Fassung ein. „Er ist mit einem unglaublichen Ehrgeiz bei der Sache“, schwärmt sein Chef Olaf Rotermund. „So was würde man sich von so manchem einheimischen Azubi wünschen.“ Issa arbeite gründlich, hinterlasse seinen Arbeitsplatz stets picobello, sei pünktlich, freundlich und sehr aufmerksam. Er sehe zum Beispiel sofort, wenn Pflegemittel aufgefüllt werden muss, sagt Rotermund.

Gleichwohl müsse sein Praktikant aus Somalia noch einiges lernen. „Die syrische und die deutsche Ausbildung klaffen weit auseinander, wir haben hier ganz andere Qualitätsstandards“, sagt der Augenoptikermeister. Daher habe er die Praktikumsdauer von den ursprünglich angedachten drei auf sieben Monate verlängert. „Bis Ende Mai wird Hassan es handwerklich so gut draufhaben, dass er sich überall bewerben kann“, ist sich Rotermund sicher. Er setzt darauf, dass die Arbeit in der Werkstatt die Stärke des Somaliers sein wird.

Denn für den direkten Kundenkontakt spricht Issa noch nicht gut genug Deutsch. „Aber ich verstehe fast alles“, sagt der Somali und lächelt ein wenig verlegen. Damit er auch die Beratung üben kann, hatten er und sein Chef kürzlich andere Flüchtlinge in das Geschäft eingeladen. Auch die Berufsschule besucht Issa zweimal pro Woche. Dort vertieft er sein theoretisches Wissen, etwa über die Anatomie des Auges. Im zehnköpfigen Siehste-Team ist der 33-Jährige schon gut integriert. Abends nehmen ihn die Kollegen auch zum Feierabendbier mit – wobei der Moslem höchstens Malzbier trinkt. Hassan Issa hofft, nächstes Jahr eine reguläre Stelle als Optiker zu bekommen und seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sein größter Traum ist es aber, eines Tages in seine Heimat zurückzukehren und seinen Landsleuten Brillen und Kontaktlinsen nahezubringen. „Die meisten Leute in Somalia haben Angst vor Brillen, weil sie das nicht kennen.“ Dafür hat Issa ja jetzt den Durchblick.

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