Wie die Lebenswelt der Erzählerin die Geschichten prägte

Professor untersucht Besonderheiten der von der Viehmann erzählten Märchen

Die Märchenfrau als Postkarte: Der Malerbruder Ludwig Emil Grimm zeichnete Dorothea Viehmann.

Kassel. In den Grimm'schen Märchen steckt jede Menge Nordhessen. Grimmprofessor Dr. Holger Ehrhardt hat die Erzählungen, die von Dorothea Viehmann beigetragen wurden, unter die Lupe genommen - und dabei viel Lokalkolorit entdeckt.

Neben mundartlichen Ausdrücken haben sich auch Spuren aus der Lebenswelt der Gastwirtstochter, die in der Knallhütte in Rengershausen aufgewachsen ist, in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm niedergeschlagen.

Ehrhardt arbeitet gerade an einem Buch zu den Märchen von Dorothea Viehmann, deren Todestag sich morgen zum 200. Mal jährt. Dafür hat der Germanist die ursprünglichen Versionen der Geschichten, die die Zwehrener Schneidersfrau den Märchensammlern weitergab, in umfangreichen Recherchen rekonstruiert und mit den von den Grimms veröffentlichten Fassungen verglichen.

Mundart

Wenn Dorothea Viehmann den Grimms ihre Märchen erzählte, sprach sie in nordhessischer Mundart. In der einzigen erhaltenen Mitschrift von einem Treffen mit der Zwehrener Märchenbeiträgerin hält Jacob Grimm den Originalton der Viehmännin fest: „Nu mahnt ihn der reiche Bauer als fort“, heißt es da.

Vieles haben die Grimms sprachlich überarbeitet. Aber teilweise schafften es die mundartlichen Ausdrücke bis in die Kinder- und Hausmärchen, unter anderem das nordhessische ,als‘ (für: immerzu, dauernd). „Das ist den Grimms wohl gar nicht aufgefallen, weil sie zu dieser Zeit selbst kasselänert haben“, sagt Ehrhardt mit einem Lachen.

Lebenswelt

Auch der Inhalt der Märchen ist von Dorothea Viehmann und ihrer Lebenswelt stärker geprägt, als man bisher wusste. So tauchen in ihren Märchen oft Gastwirte und Fuhrleute in tragenden Rollen auf - Berufsgruppen, mit denen sie als Gastwirtstochter in der Knallhütte viel zu tun hatte. So ist unter anderem in „Die kluge Else“ in der Viehmann’schen Version die Rede davon, wie im Keller Bier gezapft wird. „Das musste sie als älteste Tochter im Wirtshaus wahrscheinlich selbst oft machen“, sagt Ehrhardt.

Militärische Begriffe

Auffällig sind zudem viele militärische Begriffe in den Viehmann-Märchen. „Für eine Frau kannte sie sich ungewöhnlich gut aus“, sagt Ehrhardt. Dazu muss man wissen: Die Märchenfrau wuchs während des Siebenjährigen Kriegs auf. Rund um die Knallhütte waren damals Truppen stationiert. Die Soldaten seien zum Biertrinken wahrscheinlich ins Gasthaus gekommen, sagt Ehrhardt. Die Grimms übernahmen den Militärjargon nicht immer: Wo die Viehmann von Kavallerie spricht, schreiben sie von Reitern. Fremdwörter wollten die Germanisten in ihrem deutschen Märchenbuch vermeiden.

Eine Prise Psychologie

Zwischen Dorothea und ihrer jüngeren Schwester Anna Sabina muss es nach deren Hochzeit zu einem Zerwürfnis gekommen sein. Während die Jüngere die Knallhütte übernahm, zog Dorothea mit ihrem Mann nach Zwehren und lebte dort in Armut. „Man kann davon ausgehen, dass sie sich ungerecht behandelt fühlte“, sagt Ehrhardt. Dies findet sich als Motiv auch in mehreren Märchen wieder. In der Aschenputtel-Version der Viehmann etwa gibt es ein anderes Ende: Dabei wird Aschenputtel von ihrer bösen Schwester in einen Blutbrunnen geworfen.

Die psychologische Deutung will der Grimmforscher zwar nicht überbewerten. Dennoch zeige die Analyse der ursprünglichen Viehmann-Märchen, wie die Erzählerin ihnen einen individuellen Stempel verlieh. „Das ist wie beim Weitererzählen von Witzen“, sagt Ehrhardt. „Jeder baut auch etwas Eigenes ein.“

Hintergrund

Dorothea Viehmann (1755-1815) gilt als wichtigste Märchenbeiträgerin der Brüder Grimm. Sie steuerte insgesamt 36 Märchen zur Sammlung der Brüder Grimm bei. Am morgigen 17. November jährt sich ihr Todestag zum 200. Mal.

Dorothea war die älteste Tochter der hugenottischen Familie Pierson, die das Gasthaus in der heutigen Knallhütte in Rengershausen betrieb. 1777 heiratete sie den Schneider Nicolas Viehmann, mit dem sie später nach Niederzwehren zog. Als sie 1813 die Brüder Grimm kennenlernte, lebte sie in Armut. Nach längerer Krankheit starb sie im Alter von 60 Jahren.

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