Prozess vor Kasseler Landgericht: Fünf Jahre unschuldig im Gefängnis?

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Biologielehrer Horst Arnold (rechts) mit seinem Anwalt.

Kassel. Saß der 52 Jahre alte Biologielehrer Horst Arnold fünf Jahre lang unschuldig hinter Gittern? Diese Frage muss das Kasseler Landgericht in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren klären.

Aktualisiert um 16.13 Uhr.

Arnold, der sich zur Preisgabe seiner Identität bereit erklärt hat, war vor fast zehn Jahren, am 24. Juni 2002, vom Landgericht Darmstadt zu fünf Jahren Haft veruteilt worden. Er habe eine Kollegin, ebenfalls Biologielehrerin an der Georg-August-Zinn-Schule im südhessischen Reichelsheim, vergewaltigt, befanden die Richter.

Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil - Rechtsfehler fand er nicht. Es stand Aussage gegen Aussage, wie im Kachelmann-Prozess. Das Darmstädter Gericht hatte der Frau geglaubt.

Der verurteilte Biologielehrer lernte diverse hessische Gefängnisse kennen. Er saß in Weiterstadt, Butzbach, Darmstadt und verbrachte zwei Jahre in der Psychiatrie in Hadamar. Stets und ständig beteuerte er seine Unschuld. Angebote, bei einem Geständnis nach zwei Dritteln der Strafe auf freien Fuß zu kommen, habe er ausgeschlagen, sagt Arnold.

Der Mann saß die vollen fünf Jahre ab. Sein Leben war zerstört, und er beteuerte weiter seine Unschuld. Der Studienrat musste umziehen, flog aus dem Schuldienst, er bekam trotz hunderter Bewerbungen nie einen Job. Heute lebt er von Hartz IV und macht als trockener Alkoholiker eine Therapie.

Der Berliner Anwalt Hartmut Lierow nahm sich des Falls an. Er spürte neue Zeugen auf und fand viele Ungereimtheiten. Er erreichte eines der seltenen Wiederaufnahmeverfahren. Der Prozess wird nun vor dem Kasseler Landgericht neu aufgerollt.

Und auch am Mittwoch beteuerte Horst Arnold vor der 1. Strafkammer seine Unschuld: "Ich habe die Tat nicht begangen. Ich habe meine Kollegin nicht vergewaltigt."

Sein Anwalt will das Gericht nun überzeugen, dass die Biologielehrerin Heidi K. (46), die zwischendurch zur Konrektorin aufstieg und heute in Bielefeld unterrichtet, die Unwahrheit sagt. Für Hartmut Lierow sei sie eine "notorische Lügnerin", wie er sagt: "Sie hat eine Vielzahl unwahrer Angaben gemacht". Dies, so der Anwalt, könnten diverse Zeugen bestätigen.

Lierow nennt Beispiele: So habe die Lehrerin behauptet, ihr Lebensgefährte, ein Kripobeamter, der an den Ermittlungen beteiligt gewesen war, sei bei der Terroristenfahndung durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt worden. Sie hätte ihn ein Jahr lang pflegen müssen. Er sei dann verstorben. Anwalt Lierow: "Die Wahrheit ist: Der Beamte ist nach wie vor unversehrt und versieht seinen Dienst."

Ein anderes Mal habe die Lehrerin behauptet, Horst Arnold habe sie noch einmal im Michelstadt bedroht. "Ich kriege dich noch", habe er ihr auf offener Straße zugerufen. Nur: Nachweislich saß Arnold zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft.

Dass die Lehrerin dauernd lüge, würden viele weitere Geschichten belegen, sagt Anwalt Lierow. Daher sei auch die Vergewaltigung erfunden, argumentiert der Anwalt. Ihr Motiv: Sie wollte den Job des Fachbereichsleiters an der Schule, den bis dahin Horst Arnold hatte.

Heidi K. erschien am Mittwoch als Zeugin, sagt aber nichts. Sie machte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Denn gegen sie wird inzwischen auch ermittelt, wegen Freiheitsberaubung. Denn durch ihre Aussage saß Horst Arnold fünf Jahre im Gefängnis. Die Anwältin von Heidi K., Susanne Renner: "Meine Mandantin ist ein Vergewaltigungsopfer. Jetzt wird versucht, sie unglaubwürdig erscheinen zu lassen."

Der Prozess wird am 24.6. fortgesetzt. (tho)

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