„Böörti, Böörti Vogts“ in Dauerschleife

Public Viewing in Kassel: So feierten die Fans vor 20 Jahren den Titel

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Die Anfänge des Public Viewing: Vor 20 Jahren verfolgten die Gäste in Joe´s Garage das Finale auf einem kleinen Fernseher. Das Foto entstand nach dem Golden Goal.

Kassel. 4500 Fans feierten vor 20 Jahren den deutschen EM-Titel erstmals öffentlich auf der Friedrich-Ebert-Straße.

1996

Als Oliver Bierhoff vor 20 Jahren das erste Golden Goal der Fußballgeschichte im Londoner Wembley-Stadion gegen Tschechien schoss und Deutschland Europameister wurde, da war in Joe´s Garage auf der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel kein Halten mehr. Die Gäste, die das Spiel in der Kneipe auf einem kleinen Fernseher verfolgt hatten, der über den Treppenabgang zu den Toiletten hing, lagen sich in den Armen, Glückstränen flossen.

Und es kamen immer mehr Menschen, über 4500 feierten plötzlich den Titel auf der Friedrich-Ebert-Straße. „Wir waren völlig überrascht“, sagt Carsten Bischoff (56), einer der Chefs von Joe´s Garage. Alle Mitarbeiter, auch wenn sie an dem Abend eigentlich frei hatten, mussten umgehend anpacken. „45 Minuten lief Böörti, Böörti Vogts von Stefan Raab in der Dauerschleife, weil niemand Zeit hatte, die CD zu wechseln“, erinnert sich Bischoff. Dirk van der Werf (46), der kurze Zeit später als Geschäftspartner in die Kneipe einsteigen sollte, hatte an dem Abend eigentlich frei. Auch er musste einspringen. Spontan wurde eine Außentheke vor der Kneipen aufgebaut, wo Flaschenbier verkauft wurde. Dort gab es nur noch alkoholfreies Bier. Das habe die Feiernden aber nicht gestört. „Wir haben sogar Kristall aus der Flasche ohne Glas verkauft“, sagt van der Werf. Die Leute waren außer Rand und Band und stiegen auf die Dächer der Flachbauten an der Partymeile.

Dass in dieser Nacht nicht nur friedlich gefeiert wurde, sondern es auch zu mehreren Schlägereien kam, haben die Wirte damals nicht mitbekommen. „Wir waren froh, dass wir unser Leben hatten“, sagt Bischoff.

Das war quasi die Geburt des Public Viewing auf der Friedrich-Ebert-Straße. „Ich weiß noch genau, wo ich in der Garage gesessen habe“, sagt Stammgast Detlef Giebeler. „Das war damals eine super Stimmung.“ Heutzutage geht der 50-Jährige nicht mehr zum Public Viewing. „Das ist nicht mehr meine Baustelle.“ Im Laufe der Jahre seien zu viele Menschen gekommen, denen es nicht mehr um den Fußball, sondern nur noch ums Feiern gegangen sei, sagt Giebeler.

Anlässlich der Grand Prix-Teilnahme von Guildo Horn im Jahr 1998 schaffte Joe´s Garage eine große Leinwand zum Gucken an, die seitdem nicht nur bei Fußball-Europameister- und Weltmeisterschaften zum Einsatz kommen sollte.

2006

Das Sommermärchen vor zehn Jahren wurde natürlich auch auf der Friedrich-Ebert-Straße ausgiebig gefeiert. „Wir hatten bis zu 25 000 Leute vor dem Laden. Das war abenteuerlich“, sagt Bischoff. „Wir haben eine viertel Stunde für ein Fass Bier gebraucht.“

2006: Der Höhepunkt. Bis zu 25 000 Menschen feierten auf der Friedrich-Ebert-Straße bei der WM im eigenen Land. Das Foto entstand nach dem Sieg des deutschen Teams im Viertelfinale gegen Argentinien.

Und es war ein Wandel unter den Fans festzustellen. Seit der WM 2006 hätten sich die Fans getraut, bei der Nationalhymne aufzustehen, mitzusingen. Deutsche Trikots und Fahnen überall. „Alle haben sich zum Kasper gemacht“, sagt van der Werf. „Mit schwarz-rot-goldenen Mützen. Das haben sich die meisten vorher nicht getraut.“

Eine Entwicklung, die auch ihre Kehrseite hatte. Echte Fans sind seitdem genervt, wenn ein Sieg in der Vorrunde gegen einen schwachen Gegner bereits wie die Finalteilnahme gefeiert wird.

Bischoff und van der Werf sind sich aber einig: 2006 war der Höhepunkt auf der Partymeile. So viele Fans haben seitdem dort nicht mehr gemeinsam einen Sieg gefeiert.

2016

Die WM 2014 in Brasilien war für die Gastronomen und die Partymeile der Tiefpunkt. Die Ebert-Straße in Kassel war Baustelle. Und auch bei der EM 2016 fehlen noch die Massen, die nach den Siegen des deutschen Teams auf der Straße feiern. Das „Dreckswetter“ und die späten Spiele könnten ein Grund dafür sein. „Unser Laden ist bei jedem Spiel dennoch rappelvoll“, sagt Bischoff. Allerdings gebe es mittlerweile in jeder Dönerbude eine Leinwand. Die Wirte sind trotzdem zufrieden. „Wir haben ein angenehmes Publikum“, sagt van der Werf.

Und vielleicht wird es morgen Abend auf der Meile mal wieder richtig voll, wenn die Deutschen Angstgegner Italien schlagen sollten. Bischoff ist zuversichtlich. Sein Tipp: „1:0 für Deutschland.“

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