Wer hatte es den Brüdern Grimm erzählt?

Rätsel um "Aschenputtel"-Märchen gelöst

Prof. Holger Ehrhardt

Kassel. Nach mehr als 200 Jahren ist Forschern zufolge das Rätsel gelöst, wer den Brüdern Grimm das weltbekannte Märchen "Aschenputtel" erzählt hat.

Aktualisiert um 17.42 Uhr

Mit detektivischen Eifer hat der Kasseler Grimm-Forscher Prof. Holger Ehrhardt ein großes Rätsel der Literaturhistorie gelöst. Um herausfinden, welche Erzählerin sich hinter dem weltbekannten Grimm-Märchen „Aschenputtel“ verbirgt, hat der Wissenschaftler der Uni Kassel gerade einmal fünf Tage gebraucht. Damit hat er das geschafft, was vielen Forschern vor ihm nicht gelang. Ehrhardt identifizierte die Marburger Märchenfrau Elisabeth Schellenberg als Quelle der Grimms – bisher war nur bekannt, dass die Erzählerin des „Aschenputtels“ aus der mittelhessischen Universitätsstadt stammte. Schellenberg wurde 1746 als uneheliches Kind in eine verarmte Familie geboren. Sie lebte erst in einem Haus an der Marburger Mühlentreppe, das bis heute steht. Später zog sie als dauerhafte Bewohnerin in das Armenhospital St. Jost.

Dort erzählte sie 1810 im Alter von 64 Jahren das Märchen vom „Aschenputtel“ und das weniger bekannte Märchen „Der Goldene Vogel“, die Eingang in die Grimmsche Märchensammlung fanden. Bis es soweit war, musste sich Wilhelm Grimm mächtig ins Zeug legen. Über Clemens Brentano, den literarischen Mentor der berühmten Brüder, hatte er von der Marburgerin erfahren. Als Wilhelm Grimm allerdings in Marburg vorstellig wurde, zierte sich Schellenberg. „Märchen galten damals als Altweibergeschwätz“, erläutert Ehrhardt. Vermutlich habe die Frau diese Geschichten nicht einem erwachsenen Mann erzählen wollen. Wilhelm Grimm notierte damals: „Das Orakel wollte nicht sprechen.“ Er blieb hartnäckig und bediente sich eines Tricks.

Dazu knüpfte er Kontakt zur Frau des Vorstehers des Armenhospitals, in dem die Märchenerzählerin lebte. Diese schickte er gemeinsam mit Kindern zu der Frau, um sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Die Frau des Vorstehers schrieb die Geschichten für die Grimms auf.

Um all dies herausfinden, hat Ehrhardt in Marburger Sippenbüchern, Sterberegistern und den Bewohnerlisten der Armenhospitäler recherchiert. „Die Brüder haben oft nur verschleiernde Angaben zu ihren Märchenzuträgern gemacht“, sagt der Forscher. Die bekannte Märchenerzählerin Dorothea Viehmann sei in diesem Sinne eine Ausnahme gewesen. Oft sei nur überliefert aus welchen Regionen die Märchen kommen.

Über die Marburgerin war aus Briefwechseln der Grimms nur bekannt, dass sie mit einer Frau Kreuzer verwandt war und in einem Armenhospital lebte. Lange Zeit hatten Wissenschaftler aber schlicht in den Archiven des falschen Hospitals gesucht.

Bisherige Vermutungen, die Mutter des „Aschenputtels“ habe hugenottische Wurzeln, konnten nun widerlegt werden. „Es war eine stockhessische Märchenfrau“, sagt Ehrhardt. Allerdings hätten die Grimms die Erzählungen später durch Züge aus französischen Überlieferungen und Buchmärchen ergänzt.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.