So finden Studienabbrecher in Kassel eine Ausbildung

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Rückendeckung: Karl-Heinz (links) und Moritz Bartling vom Ausbildungsbetrieb Strategieschmiede stehen voll hinter ihrer neuen Auszubildenden Johanna Schnittke.

Kassel. Als Johanna Schnittke im Hochsommer in der Bibliothek saß und einen Bericht fertig schreiben musste, waren sie wieder da.

Die Zweifel, ob sie mit ihrem Studium zur Elektrotechnik und Berufschulpädagogik wirklich richtig lag. Ein Jahr später sitzt sie im Besprechungsraum der Strategieschmiede, ihrem neuen Ausbildungsplatz.

Nach elf Semestern Elektrotechnik hat Johanna Schnittke einen Schlussstrich gezogen. Schluss mit ewigen theoretischen Vorlesungen, mit zeitweise drei Nebenjobs, Schluss mit den Zweifeln. Seit zwei Monaten macht sie eine Ausbildung zur Fachinformatikerin in Anwendungstechnik.

Einfach war der Sprung nicht. „Ich hatte richtig Muffesausen“, erinnert sich Schnittke. Aus Angst, keinen Ausbildungsplatz zu finden, schmiedete sie Plan B und C: Ein Praktkum in der Schreinerei des Vaters, ein Job über die Zeitarbeitsagentur, nochmal zurück an die Uni.

Wirklich zählen konnte sie in dieser Zeit vor allem auf Roger Voigtländer vom Verein Kompakt für Studienabbrecher im Bereich Informationstechnologie. Der begleitete sie auf dem Weg zum Softwareentwickler Strategieschmiede im Stadtteil Süsterfeld. Das achtköpfige Team ist zufrieden mit der Studienaussteigerin. „Der Funke ist gleich übergesprungen“, sagt ihr Ausbilder Moritz Bartling. Karl-Heinz Bartling, der mit seinem Sohn das Unternehmen führt, schätzt die Lebenserfahrung seiner neuen Kollegin. Dass sie keinen Studienabschluss gemacht hat, stört hier keinen. „Ein Studium formt jeden, ob man es abbricht oder nicht“, sagt Senior Bartling. „Johanna ist schon auf einem hohen Niveau hier gestartet“, sagt der Juniorchef. Weil das Unternehmen Auszubildende suchte, konnte Johanna Schnittke auch schon im Mai anfangen, fernab des eigentlichen Zeitraums. Auch ihr Azubi-Kollege ist aus dem Studium ins Unternehmen gekommen - ohne Abschluss.

„Erstmal machen“, heißt es jetzt in der Ausbildung und das freut Johanna Schnittke besonders. „Hier kann ich die Theorie praktisch anwenden. An der Uni ging das nicht“.

Noch sechs Jahre hätte Johanna Schnittke an der Uni und im Referendariat ackern müssen, bis sie dort wäre, wo sie hinwollte: an das Lehrerpult in der Berufsschule. Ihre Ausbildung hat sie jetzt schon verkürzt. Zwei Jahre wird sie vermutlich noch dauern.

Klausuren hat Schnittke nur noch in der Berufsschule. Ansonsten bedeutet Feierabend für sie jetzt tatsächlich Feierabend. Kein Lernen, keine Nebenjobs, keine Zweifel.

Warum brechen Studeneten ab?

Studenten der Uni Kassel, die zum Hochschulteam der Agentur für Arbeit kommen, haben viele Gründe für einen Abbruch, sagt Beate Sieber-Budeck vom Beratungsteam. Andere Vorstellungen und ein hoher Theorieteil seien einige davon. „Auch finanzielle Schwierigkeiten sind ein großes Thema.“ Viele Studierende arbeiteten nebenher und verlieren dann den Anschluss. Allerdings treffen seit den neuen Abschlüssen Bachelor und Master viele ihren Entschluss schon in den ersten zwei bis vier Semestern. Mit der entgültigen Enscheidung tun sich Studenten schwer. (vsa)

Am Montag, 4. Juli, findet in der IHK, Kurfürstenstraße 9, von 10 bis 14 Uhr ein Speed-Dating für Studienaussteiger und Unternehmen statt. Anmeldungen unter  www.hwk-kassel.de/speed-dating

Von Valerie Schaub

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