Im ostfriesischen Jemgum betreibt Wingas sein modernstes unterirdisches Lager – Fertigstellung 2019/20

Riesiger Gasspeicher im Salzstock

Fachleute im Gespräch Andreas Schulz (links) ist der Betriebsleiter der Anlagen Jemgum und Rehden, Jens Nuhn Abteilungsleiter bei der Wingas-Speicher-Tochter Astora in Kassel.

kassel/jemgum. Der oberirdische Teil des neuesten Wingas-Speichers in Jemgum südlich von Emden ist groß und imposant. Auf acht Hektar – das entspricht der Fläche von zehn Fußballfeldern – erstreckt sich die Anlage aus riesigen Verdichtern, Kesselhaus, Gastrocknern, Druckreduzierern und Vorwärmern, Leitwarte, Messstation und einem für Laien undurchschaubaren Gewirr von Rohren, Leitungen, Ventilen und Armaturen.

2006 begannen die Planungen für das Milliarden-Gemeinschaftsprojekt der Wingas-Speicher-Tochter Astora und dem Oldenburgischen Versorger EWE auf der grünen Wiese direkt an der Ems. 2010 war der Start, 2013 hat Astora die Anlage in Betrieb genommen, und 2019/20 sollen alle zehn Kavernen (Hohlräume) des ersten Bauabschnitts mit einer Speicherkapazität von nahezu einer Million Kubikmeter zur Verfügung stehen.

Der Standort ist nicht zufällig gewählt. Ab einer Tiefe von 450 Meter erstreckt sich ein gewaltiger Salzstock unter der Oberfläche. Um die 400 Meter hohen und 80 Meter breiten zigarrenförmigen Hohlräume in 950 bis 1500 Meter Tiefe auszuwaschen, braucht man Wasser, viel Wasser. Das entnehmen Astora und EWE der nahen Ems, drücken es durch Bohrungen unter hohem Druck ins Salz und waschen es aus. Das Wasser kommt als mit Salz angereicherte Sole wieder nach oben und wird über eine Pipeline in der nur 40 Kilometer entfernten Nordsee entsorgt. Nach Angaben von Betriebsleiter Andreas Schulz dauert der Tag und Nacht laufende, aufwändige Prozess für jede Kaverne bis zu drei Jahre.

Für Jemgum hat auch die Nähe zur Nordsee, vor allem aber auch zu wichtigen deutschen, niederländischen und europäischen Gasfernleitungen gesprochen. So ist Jemgum über die Leitungen NEL und MIDAL an die Nordstream-Pipeline angebunden, durch die das wichtige russische Gas durch die Ostsee nach Greifswald und von dort zur Weiterverteilung in die europäischen Netze gelangt.

Das einzuspeichernde Gas wird zunächst in großen Abscheidern gereinigt, verdichtet und unter hohem Druck in die Kavernen gepresst. Weil es im Salz Feuchtigkeit aus der Restsole am Kavernengrund aufnimmt, muss es beim Ausspeichern getrocknet und der Druck stark reduziert werden. Dadurch kühlt sich das Gas so stark ab, dass es vorgewärmt werden muss.

Das Gasspeicher-Geschäft ist nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich kompliziert. Denn die Investitionen sind hoch und der Wettbewerb stark, erklärt Astora-Abteilungsleiter Jens Nuhn. Alle großen Gasversorger in Deutschland und Europa betreiben Gasspeicher. Die Gesamtkapazität in Deutschland liegt bei 29 Prozent eines Jahresverbrauchs. Das heißt: Rein rechnerisch reicht der Inhalt der vollen Lager also für dreieinhalb Monate. Frankreich hat eine ähnlich hohe Speicherrate, Italien kommt auf 23 und Holland sogar auf 35 Prozent eines Jahresverbrauchs. Spitzenreiter ist Österreich mit 85 Prozent. Allerdings ist der Gasververbrauch in der Alpenrepublik vergleichsweise gering.

Von José Pinto

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