Lokwerk in Gefahr

Bombardier Kassel: Überlegungen, Produktion zu verlagern

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Lokbauer in Aktion: Unser Foto zeigt Jochen Eberwein (links) und Rüdiger Engler bei ihrer Arbeit. Das Werk ist auf absehbare Zeit gut ausgelastet. Dennoch gibt es Bestrebungen, es abzuwickeln.

Kassel. Das Bombardier-Lokwerk in Kassel scheint beim geplanten Abbau von 1430 der 8000 Inlandsstellen beim deutsch-kanadischen Bahntechnikhersteller mit einem blauen Auge davonzukommen, aber dem geschichtsträchtigen Industriestandort droht mittelfristig das Aus.

Nach verlässlichen Informationen der HNA gibt es in der Konzernzentrale in Berlin Bestrebungen, das Montagewerk im Mittelfeld mit seinen derzeit 850 Beschäftigten ganz zu verlagern: ins brandenburgische Hennigsdorf oder ins italienische Vado Ligure.

Bombardier-Sprecher Andreas Dienemann erklärte auf Anfrage: „Wir beteiligen uns generell nicht an Spekulationen und Gerüchten. Dies gilt auch für Standortfragen.“ Der Betriebsratschef in Kassel, Markus Hohmann, will von den Verlagerungsplänen nichts wissen und verwies auf den Vorstand. Werkleiter Steffen Riepe war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

„Kassel hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Kompetenzen abgeben müssen und ist nur noch ein Montage- und Zulassungswerk. Der Standort ist aus Konzernsicht verzichtbar“, sagte ein Branchenexperte im Gespräch mit der HNA. Außerdem verwies er auf eine Reihe von Aufträgen, die Kassel in den vergangenen Jahren an Erzrivalen Siemens verloren hat. Grund seien Mängel an den Zugmaschinen, die aber nicht Kassel, sondern deren Zulieferer aus dem Bombardier-Konzern zu verantworten hätten. „Die Bahn und andere Kunden sind stinksauer“, heißt es. Der Marktanteil Kassels bei klassischen E-Loks fiel nach Angaben unseres Informanten in den letzten zehn Jahren von 88 auf 50 Prozent. „Die Kasseler müssen an sich arbeiten.“

Ein anderer Branchenkenner benennt die „Achillesferse des Kasseler Werks“. Dort zahlt Bombardier Miete an den Eigentümer, hinter dem ein zypriotischer Investor steckt. Das erhöht die Produktionskosten. In Hennigsdorf und Italien sind die Kanadier Besitzer weitläufiger, längst abgeschriebener Immobilien. Nach Einschätzung von Bahnexperten kommt einem im Herbst akquirierten Auftrag aus Israel über 62 Loks aus der bewährten Traxx-Familie eine entscheidende Bedeutung zu. Werden sie – wie bislang vorgesehen – hier gebaut, müsse Bombardier investieren und binde sich längerfristig an den Standort. Wenn nicht, werde es eng für Kassel. Die Italiener hätten zwar noch keine Loks dieser Komplexität gebaut, „aber irgendwie würden die das schon hinbekommen“.

Der Israel-Auftrag ist mit einem Volumen von 230 Millionen Euro zwar nur ein mittelgroßer, dafür aber umso prestigeträchtiger, weil technologisch anspruchsvoll. Die Lokomotiven müssen hohen Temperaturen und Sandstürmen trotzen. Die Frage ist, ob die Israelis, die nicht nur eine Bombardier-Lok, sondern vor allem ein Produkt aus Kassel bestellt haben, einer Verlagerung zustimmen würden.

Eine Schließung des Werks wäre geradezu absurd. Die Orderbücher für die kommenden zwei Jahre sind voll, und weitere Großaufträge der Deutschen Bahn und anderer Bahnbetreiber sind in Aussicht gestellt.

Hintergrund: Probleme in beiden Sparten

Der kanadische Flugzeugbauer und Bahntechnik-Hersteller Bombardier ist durch Probleme in beiden Sparten in eine finanzielle Schieflage geraten. Ein Börsengang der Bahntechnik sollte frisches Geld in die leeren Kassen spülen, aber der scheiterte ebenso wie der Einstieg eines chinesischen Bahntechnik-Konzerns. Daraufhin eilten Bombardier die Provinz Québec und ein staatlicher Pensionsfonds mit einer Milliardenspritze zu Hilfe. Der Konzern hat 2015 mit 74 000 Beschäftigten (davon fast 40 000 in der Bahntechnik) umgerechnet 12,4 Milliarden Euro umgesetzt und vor Zinsen und Steuern (Ebit) 377 Millionen Euro verdient. Allerdings lasten Milliardenabschreibungen in beiden Sparten auf dem Unternehmen.

Die Aktie verlor in den vergangenen drei Jahren 80 Prozent an Wert und notiert aktuell um 67 Cent.

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