Fehlende Versorgungsmöglichkeiten: Rothenberg hat die größten Defizite

Verhangene Scheiben: In der Hünfelder Straße stehen ehemalige Läden seit mehreren Jahren leer. Ortsvorsteher Hans Roth bedauert das sehr. Fotos:  Meyer

Rothenditmold. Der Rothenberg in Rothenditmold ist das Sorgenkind im Stadtteil, was die Versorgungsmöglichkeiten der Bewohner angeht. Seit Jahren gibt es keinen Laden mehr.

Zwar gab es im alten Ortskern im Bereich Wolfhager Straße/Naumburger Straße schon immer mehr Läden, seit einigen Jahren aber fehlt das Angebot auf dem Rothenberg vollständig.

„Ein Grund dafür ist vor allem die isolierte Lage des Wohngebietes“, sagt Lena Schwarzer. Die 23-Jährige hat für ihre Abschlussarbeit an der Universität Kassel im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung die Veränderungen der Nahversorgungsstruktur am Beispiel von Kassel befasst. Für die Arbeit hat sie vier Bereiche im gesamten Stadtgebiet untersucht, am Rothenberg hätten sich aber die gravierendsten Veränderungen gezeigt.

„Niemand kommt eher zufällig in die Siedlung, die meisten fahren auf den umliegenden Straßen am Rothenberg vorbei“, sagt Schwarzer. Geschäfte würden, um zu überleben, auch die zufällig vorbeifahrenden Kunden brauchen. Die fehlten allerdings auf dem Rothenberg.

Die Zahl der Geschäfte rund um den Rothenberg ist von 1956 bis 2016 stark gesunken. Befanden sich dort früher noch 30 Angebote, waren es 2016 nur noch neun.

Allerdings war vor zehn Jahren noch ein Lebensmittelmarkt in der Rothenbergsiedlung ansässig. Doch seit einigen Jahren stehen die Räumlichkeiten an der Hünfelder Straße leer.

„Früher waren hier Edeka und Konsum nebeneinander untergebracht, später ein Nahkauf, dann ein türkischer Laden“, erinnert sich Ortsvorsteher Hans Roth. Aber jetzt bestimmten schon einige Jahre die zugehangenen Scheiben das Bild.

Einkaufsmöglichkeiten gibt es jetzt im Quartier keine mehr, lediglich der Imbiss Lilly Döner gegenüber dem Marienkrankenhaus bietet neben Kulinarischem auch einige wenige Lebensmittel des täglichen Bedarfs an. Auch in der Cafeteria des Marienkrankenhauses lassen sich Kleinigkeiten erwerben.

Die Bewohner der Rothenbergsiedlung hätten sich mittlerweile darauf eingestellt, ihre Besorgungen mit dem Auto machen zu müssen, das hat Lena Schwarzer in ihrer Arbeit festgestellt. Problematisch sei allerdings, dass auf dem Rothenberg immer mehr ältere Menschen wohnen, die weniger mobil seien.

Die Entfernung zu den Märkten an der Wolfhager Straße liegt bei mehr als 700 Metern, zu Fuß ist das mit Einkäufen nicht zu schaffen. Hinzu kommt, dass von den Bewohnern des Rothenbergs nur jeder Vierte ein Auto besitzt.

Eine Lösung könnte laut Lena Schwarzer vielleicht ein Lieferdienst für Lebensmittel sein, der teilweise schon von den Märkten an der Wolfhager Straße angeboten werde. Zudem sei auch eine bessere Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel wichtig.

Das sagt der Ortsvorsteher

Das Problem der fehlenden Versorgungsmöglichkeiten auf dem Rothenberg betrifft vor allem die älteren Einwohner, sagt Ortsvorsteher Hans Roth (AUF Kassel). Die Studenten, die in die geplanten Neubauten an der Witzenhäuser Straße einziehen werden, seien davon weniger betroffen, weil sie mehr in Richtung Nordstadt orientiert seien und es dort mehrere Einkaufsmöglichkeiten gebe. Wenn jemand einen kleinen Laden auf dem Rothenberg eröffnen wolle, dann würde das wahrscheinlich nur funktionieren, wenn das Angebot etwas Besonderes ist, was auch Menschen von außerhalb auf den Rothenberg lockt. Der Tante-Emma-Laden mit seinem Gesamtangebot sei eher im ländlichen Raum profitabel. Gerade den vielen älteren Menschen hier würde ein Angebot mit kurzen Wegen sehr entgegen kommen. Auch eine Verbesserung der Nahverkehrsanbindung und ein Erhöhen der Taktung , wie sie bereits in der Liniennetzreform geplant ist, seien wichtig. (kme)

Hintergrund: Geschichte der Rothenbergsiedlung

Als die Otto-Haesler-Siedlung auf dem Rothenberg um 1930 errichtet wurde, zählten die in Zeilenbauweise errichteten Häuser zu den modernsten Wohnquartieren in Kassel. Überwiegend lebten hier Arbeiter der umliegenden Industriebetriebe. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde die Siedlung immer mehr zum sozialen Brennpunkt mit vielen leerstehenden Wohnungen. Heute steht die weitgehend noch in Originalbauweise erhaltenen Siedlung unter Denkmalschutz und gehört der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel (GWG), die die Wohnungen vor einigen Jahren umfassend saniert hat. Aktuell gibt es so gut wie keinen Leerstand. In der Siedlung leben 1400 Menschen.

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