Aufträge von Katar, Singapur, Bundeswehr

Panzerbauer haben gut zu tun: KMW baut Leoparden und Pumas

Der Leopard 2 gilt weltweit als bester schwerer Kampfpanzer. Turm, Hochleistungselektronik und weitere Komponenten kommen aus Kassel. Montiert werden die 62-Tonnen-Kolosse in München. Fotos: KMW/nh

Kassel. Im Dezember fiel der Startschuss für das deutsch-französische Gemeinschaftunternehmen Kant - der Zusammenschluss der Panzerschmieden Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Nexter. Wir haben uns in den Kasseler KMW-Werken umgesehen.

In den beiden Kasseler Fahrzeugwerken des Panzerbauers Krauss-Maffei Wegmann (KMW) herrscht rege Betriebsamkeit. In den riesigen Hallen werden neue Schützenpanzer des Typs Puma für die Bundeswehr, komplette Türme für den schweren Kampfpanzer Leopard 2 A7 für Katar und Singapur, die Panzerhaubitze 2000 und das neue Geschützmodul AGM sowie Elemente für den Brückenschnellpanzer Leguan und Komponenten für den Transportpanzer Boxer hergestellt.

Die Hallen stehen voll. Überall wird geschweißt, gebohrt, gefräst und geschraubt - vielfach in mühsamer Handarbeit, aber auch in gewaltigen, automatisierten Bearbeitungszentren, die die riesigen, tonnenschweren Wannen scheinbar mühelos in jede Position drehen.

Bei KMW ist alles irgendwie überdimensioniert, und dennoch kommt es bei den großen Fahrwerkskomponenten und Wannen auf Millimeter an, bei den mit Elektronik vollgepfropften Türmen ist höchste Präzision gefragt.

Mehr zu Krauss-Maffei Wegmann gibt es in unserem Regio-Wiki. 

Die Kasseler Rüstungsexperten, die weltweit um ihr Know-how und ihren technologischen Vorsprung beneidet, aber von der heimischen Friedensbewegung massiv kritisiert werden, stellen nicht nur neue Fahrzeuge her, sondern modernisieren sie und setzen alte instand, was angesichts der zunehmenden Auslandseinsätze von Bundeswehr und befreundeten europäischen Streitkräften immer wichtiger wird. „Wir haben ordentlich zu tun“, bestätigt KMW-Sprecher Kurt Braatz.

In Kassel wird aber nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Köpfen gearbeitet. KMWler entwickeln und konstruieren komplette und komplexe Waffensysteme, bauen Prototypen, Gefechtsstände und Simulationstechnik für Übungszwecke, arbeiten mit speziellen Werkstoffen wie Kohlefasern, um einen höheren Schutz für die Soldaten zu erzielen. Heerestechnik „Made in Kassel“ gilt als aus Nutzersicht als die sicherste weltweit.

1400 Fachkräfte beschäftigt KMW in Kassel, am Firmensitz in München sind es 1500, und an weiteren deutschen Standorten sowie im Ausland - vor allem in Katar, Griechenland und den USA - 700 Beschäftigte, die gemeinsam einen Jahresumsatz von 800 bis 900 Millionen Euro erzielen. Die Produkte sind weltweit gefragt, dürfen aber nur in Nato-Länder oder assoziierte Staaten geliefert werden. Darüber wacht die Bundesregierung.

Der Leopard 2, der in München montiert wird, gilt als weltweiter Technologie- und Marktführer. 3500 wurden bislang gebaut und sind in 14 Nato-Staaten sowie bei drei befreundeten Nationen im Einsatz. Zum Vergleich: Der US-Konkurrent Abrams M1 von General Dynamics wird in fünf Ländern, der britische Challenger 2 (BAE Systems) sowie der französische Leclerc (Nexter, siehe Hintergrund) nur in je zwei Ländern gefahren. Den Leopard 1 gibt es 2000 Mal. Modernisiert ist er unter anderem in großer Zahl in Brasilien unterwegs.

Bei vielen Großprojekten wie Boxer, Puma und Panzerhaubitze arbeitet KMW eng mit dem Rheinmetall-Konzern zusammen, der in Kassel in zwei Werken 850 Mitarbeiter beschäftigt. Die Waffen für Leopard und Panzerhaubitze liefert Rheinmetall. Sie werden in Unterlüß im Kreis Celle in der Südheide hergestellt.

Geschichte des Konrzerns

Die heutige Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co KG (KMW) ist 1999 aus der Fusion der Rüstungsaktivitäten von Krauss-Maffei (München) und Wegmann (Kassel) hervorgegangen. Krauss-Maffei gehörte seit den 50er-Jahren zur Wetzlarer Buderus-Gruppe und seit 1996 zum damaligen Mischkonzern Mannesmann, der drei Jahre später 51 Prozent der Rüstungssparte an Wegmann verkaufte. Das war die Geburtsstunde der heutigen KMW. Im Zuge der Übernahme von Mannesmann durch den britischen Telekommunikationsriesen Vodafone und dessen Zerschlagung wanderte der 49-Prozent-Anteil an der Rüstungssparte zum Siemens-Konzern, der ihn 2010 an KMW verkaufte.

Die Wurzeln des heutigen Panzerbauers gehen aber teilweise auf das Jahr 1838 zurück, als Joseph Anton von Maffei die erste Münchner Lokfabrik gründete. Diese wurde 1931 vom Konkurrenten Krauss & Co übernommen und firmierte fortan unter dem Doppelnamen. In jenem Jahr begann auch die Produktion von Wehrtechnik.

1882 gründeten Peter Wegmann und Richard Harkort die „Casseler Waggonfabriken“. 1912 übernahmen die Kaufleute August Bode und Conrad Köhler den Zugbauer, der wie Krauss-Maffei um 1930 die Herstellung von Rüstungsgütern aufnahm. 1960 spezialisierten sich die Kasseler auf den Bau von Türmen für schwere Kampfpanzer und das Flugabwehrsystem Gepard.

Das deutsch-französische Gemeinschaftsunternehmen Kant wird von KMW-Chef Frank Haun (57) und dem neuen Nexter-Boss Stéphane Mayer geführt. Haun stammt aus Marburg.

Hintergrund: Nexter und KMW gehen zusammen

KMW und der französische Wehrtechnik-Hersteller Nexter haben unlängst ihre Fusion unter dem Dach einer Holding-gesellschaft mit Sitz in Amsterdam besiegelt, an der beide Seiten je 50 Prozent halten. Sie heißt bis auf Weiteres Kant. Zusammen sollen künftig Rüstungsgüter gebaut und vermarktet werden.

Nexter gehört dem französischen Staat, KMW 27 Mitgliedern der Kasseler Unternehmerfamilie Bode. Die beiden Partner sind bei Umsatz und Mitarbeitern in etwa gleich groß.

Hintergrund: In der Reuterstraße entsteht das Hirn des Leopard-Turms

Kaum jemand weiß, dass KMW neben den Werken in der August-Bode- sowie der Wolfhager Straße einen weiteren und ebenso unscheinbaren Produktionsstandort in der Reuterstraße betreibt. Im Gegensatz zu den Fahrzeug bauenden Fabriken wird dort militärische Hochleistungselektronik wie die Steuerung des Leopard-Turms entwickelt, produziert, repariert und aktualisiert. Das „Hirn“ ist nicht nur extrem leistungsfähig, sondern auch sehr robust. Es muss bei Temperaturen von minus 55 Grad genauso zuverlässig funktionieren wie bei plus 60 Grad, starke Erschütterungen, Feuchtigkeit und Störsignale des Gegners ertragen. Und es muss redundant sein. Das heißt: Wenn Teile des Rechners ausfallen, müssen andere Teile die Aufgaben übernehmen, damit der Panzer kampffähig bleibt.

Darüber hinaus produzieren die Elektronik-Experten spezielle Kabelbäume für den eigenen Bedarf, aber auch für die Luft- und Raumfahrt. Wie die Elektronik müssen sie vor allem mit Blick auf die Sicherheit höchsten Anforderungen genügen. Häufig werden sie mit Spezialkunststoffen, mehrlagigen Materialien wie Goretex und filigranen Metallgeflechten ummantelt, um sie unter anderem gegen störende elektromagnetische Strahlung abzuschirmen. Das erfordert viel Erfahrung und Wissen.

Die Produktion findet vielfach in Handarbeit statt. Großserien gibt es nicht, dafür aber mitunter Einzelstücke auf individuellen Kundenwunsch. Dieser kaum bekannte KMW-Bereich beschäftigt 210 Mitarbeiter, davon 180 in Kassel.

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