Academia Casselana vor 400 Jahren

Saufen fürs Stipendium: Als Kassel seine erste Uni hatte

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Der Renthof um die Jahrhundertwende: In diesen Gebäuden befand sich im 17. Jahrhundert die „Academia Casselana“, Kassels erste Hochschule.

Kassel. Seit 45 Jahren gibt es in Kassel eine Hochschule. Doch es ist gar keine junge Universitätsstadt. Denn von 1633 bis 1653 gab es in Kassel schon einmal eine Universität.

Sie befand sich im heutigen Renthof. Zeitweise gab es damals sogar Überlegungen, den altehrwürdigen Hochschulstandort in Marburg zugunsten von Kassel komplett aufzugeben. Dazu sollte es aber nie kommen.

Die Geschichte der „ersten Casseler Hochschule“ begann mit einem Familienstreit: Die Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt trugen als Familienzweige des Hessischen Fürstenhauses fast 80 Jahre lang einen Erbstreit aus. Dabei ließen sie auch die Waffen sprechen. Bei der Auseinandersetzung kam auch die Uni Marburg zeitweise unter die Räder, was die Gründung der Kasseler Hochschule zur Folge haben sollte.

Ausgangspunkt war die Besetzung Marburgs 1624 durch Hessen-Darmstadt. Mit dem Verlust der Stadt und der damals einzigen Hochschule Hessens wollte sich Moritz von Hessen-Kassel aber nicht abfinden. Tatsächlich hatte er aber nicht die militärischen Mittel, daran etwas zu ändern. Erst nachdem Moritz wegen seiner desolaten Regierungsführung 1627 abdanken musste, sollte ein Kompromiss gefunden werden.

Uni wurde geteilt

Moritz’ Nachfolger Wilhelm V. schloss einen Vergleich mit der Darmstädter Linie. Dieser sah vor, dass die Uni Marburg zwischen beiden Landgrafschaften aufgeteilt wird. Die Gebäude der Uni sollten bei Darmstadt verbleiben, das Kapital und die Ausstattung sollten aufgeteilt werden. Gleichzeitig bekam Kassel das Recht zugesprochen, eine eigene Universität zu gründen.

Vor der aktuell laufenden Sanierung: So sieht der Renthof heute aus. Das Bild entstand aber vor dem Gerüstaufbau.

Am 2. Januar 1633 war es so weit: Im heutigen Renthof, wo sich damals eine Ritterakademie befand, wurde die „Academia Casselana“ eröffnet. Tatsächlich konnte sich die Uni aber nie richtig entwickeln. So gab es nur 16 Professoren und die Zahl der Studenten lag im Jahresdurchschnitt bei 36. 1633 waren immerhin 66 Studenten immatrikuliert, acht Jahre später waren es nur noch acht. Auch deren Finanzierung durch Stipendien lag brach. Wegen des Dreißigjährigen Krieges waren Grundbesitzer und Bauern nicht mehr in der Lage, den Stipendienfonds zu füllen. So wurde unter anderem Geld aus der Tranksteuer dafür genommen.

Obwohl die Uni Marburg im Jahr 1649 für vier Jahre ganz geschlossen wurde, sollte sich Kassel als Hochschulstandort nicht etablieren. Marburg war 1646 wieder von Hessen-Kassel zurückerobert worden, und die dortige Uni sollte 1653 wieder zum Hochschulstandort des Landes erklärt werden. Gegen Kassel hatte auch gesprochen, dass den Professoren hier nicht der nötige Respekt entgegengebracht wurde. Teile der Kasseler Professorenschaft wurden nach Marburg versetzt.

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