Europäische Union sieht die Tiere als Fremde in unserem Ökosystem

Waschbären haben ganz Kassel erobert: Schäden können enorm sein

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Können in und am Haus zur Plage werden: die Waschbären. Hier ein Exemplar auf einer Biotonne in der Landaustraße.

Kassel. In Kassel, der "Hauptstadt der Waschbären", kommen die Allesfresser inzwischen im ganzen Stadtgebiet vor. Experten gehen von einer flächendeckenden Verbreitung aus.

Nach Schätzungen fühlen sich rund eine halbe Million Waschbären in Deutschland heimisch. Wie viele es in und um Kassel sind, weiß niemand genau. Anhaltspunkte für ihre Verbreitung geben die Zahl der gefangenen und getöteten Tiere sowie die großen Schäden, die in Häusern und Gärten im Stadtgebiet zu verzeichnen sind. "Ausrotten der Waschbären geht nicht mehr", sagt Frank Becker, der sich seit zwei Jahrzehnten in Kassel mit dem Schutz vor den Eindringlingen beschäftigt.

Nach Angaben des Kasseler Regierungspräsidiums wurden in der Saison 2015/2016 in Hessen knapp 28 000 Waschbären getötet, mehr als die Hälfte davon im Regierungsbezirk Kassel. Während der Waschbär sich unaufhaltsam ausbreitet, streiten Jäger mit Tier- und Naturschützern über die erstmals in Hessen angeordnete Schonzeit für Waschbären. Das Fang- und Abschussverbot galt von Anfang März bis Ende Juli, lief also vor wenigen Tagen aus.

Ziel der Schonzeit sei es gewesen, den Tieren während der Aufzucht eine Phase der Ruhe zu gönnen, erklärt RP-Sprecher Michael Conrad. Zu den Auswirkungen könne noch nichts gesagt werden. Dazu müssten Ergebnisse der biologischen Begleitforschungen abgewartet werden.

Waschbär-Experte Becker geht davon aus, dass sich die Schonzeit in der Stadt kaum bemerkbar mache, es im Wald aber danach vermutlich noch mehr Tiere geben werde. Hessens Schonzeitregelung steht zudem in Kontrast zu einer neuen Liste der Europäischen Union (EU). Sie stuft den Waschbären als einzudämmende, weil gebietsfremde Tierart ein.

Schäden können enorm sein

Schäden durch Waschbären unterm Dach: In diesem Waldauer Haus haben die Tiere die gesamte Dämmung zerstört. Foto: Becker/nh

Wenn sich Waschbären in der Nacht unter dem Dach zu schaffen machen, kann der Schaden am nächsten Morgen enorm sein: Nicht nur Löcher, sondern ganze Dämmungen von Häusern haben die Allesfresser bereitsim Kasseler Stadtgebiet zerstört. Die Schäden gingen in die Tausende und mussten schnell beseitigt werden. Denn wenn der Waschbär erst einmal da ist, will er dort auch bleiben.

Manchmal bemerkt der Hausbesitzer oder Mieter den Schaden erst viel später, berichtet Waschbär-Experte Frank Becker aus Kassel. Erst dann nämlich, wenn Wasser nach dem Regen von der Decke tropft oder an Wänden herunterrinnt und so die Löcher in Dach und Wand offenkundig werden. Oft zeige sich dann erst, wie der Waschbär in das Haus eingedrungen sei, weiß Becker aus Erfahrung. Clevere Exemplare klappen zum Einstieg einfach eine Dachziegel hoch, klettern hinein und legen die Ziegel danach wieder auf, ohne dass es bemerkt wird.

Genaue Angaben über die Anzahl der Tiere gibt es nicht. Als unbestritten gilt aber, dass der Waschbär sich unaufhaltsam ausbreitet. Im Stadtgebiet findet er optimale Lebensbedingungen, was Nahrung und Unterschlupf angeht. Weil er keine natürlichen Feinde hat, kann er sich ungehindert vermehren. Becker: „Und die natürliche Scheu vor dem Menschen hat der Waschbär von Generation zu Generation mehr und mehr abgebaut.“

Widersprüchliche Regeln

Die Einschätzungen, wie mit Waschbären umzugehen ist, sind widersprüchlich. Die Europäische Union will die Eindringlinge verstärkt bekämpfen (Hintergrund). Die Jägerschaft will den Bestand reduzieren und fordert die Abschaffung der in Hessen gerade eingeführten Schonzeit. Tier- und Naturschützer sehen den Waschbär längst als heimische Art an. Sie plädieren dafür, die Jagd einzustellen und sein Nahrungsangebot zu verknappen. Heißt: Müll- und Biotonnen abschließen, Obst wegräumen und die Häuser gegen die Tiere sichern.

Hintergrund: EU will Waschbären nicht

Die Europäische Union (EU) bemüht sich um die Eindämmung der Waschbären. Im Amtsblatt der EU wurde Mitte Juli eine Liste mit 37 invasiven, gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten veröffentlicht. Auf dieser Liste, die am 3. August rechtskräftig wurde, ist auch der Waschbär aufgeführt. Invasiv bedeutet eindringend und meint hier das Eindringen von gebietsfremden Arten in ein Ökosystem. Der aus Nordamerika stammende Waschbär wurde 1934 am Edersee ausgesiedelt und verbreitet sich seither im nordhessischen Raum und darüber hinaus aus. Die EU-Liste verpflichtet auch Deutschland und Hessen zu verstärkten Bemühungen gegen die Ausbreitung invasiver, gebietsfremder Arten – also auch gegen Waschbären.

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