Immer mehr Opfer dubioser Werbung

Das sind die schmutzigen Methoden der Strom-Verkäufer

Kassel. Ältere Menschen werden in Kassel immer öfter Opfer von skrupellosen Drückerkolonnen und Telefonwerbern. So auch ein Ehepaar, mit dem wir gesprochen haben.

Seit Wochen muss die Kasseler Verbraucherzentrale fast täglich Menschen helfen, wieder aus Verträgen mit dem Strom- und Gasversorger Eprimo herauszukommen, die sie gar nicht abschließen wollten.

Ein nettes Telefongespräch oder eine kleine Plauderei an der Wohnungstür, schon flattert ein neuer Energieliefervertrag ins Haus. „Die älteren Leute verstehen das nicht und sind völlig überfordert“, sagt Beratungs-Chefin Eva Raabe über den Kundenfang. Die Verbraucherschützer würden das meist wieder hinkriegen, „aber es gibt eine Menge Ärger und Lauferei.“

Auch die Polizei weiß von der Not vieler Opfer durch die schmutzigen Methoden bei Neuabschlüssen von Verträgen zur Lieferung von Strom und Gas. Strafrechtlich sei aber kaum etwas zu machen, sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Die Drückerkolonnen und Telefonagenten „bewegen sich am Rande der Legalität.“

Die Tipps von Polizei und Verbraucherzentrale kommen für viele Opfer zu spät. Sich nicht in Gespräche verwickeln lassen, keine Zähler- oder Vertragsnummern oder Kontodaten preisgeben – daran halten sich viele Menschen nicht. „Die war so lieb“, sagt die Kasselerin Christa Knobloch (78) über die Eprimo-Werberin, mit der sie Anfang Juni eine Stunde lang telefoniert hatte. Seither hat die Seniorin einen neuen Energielieferungs-Vertrag am Hals, den sie nie haben wollte und bis heute nicht wieder losgeworden ist.

„Der Markt ist versaut“, sagt Stadtwerke-Vertriebsleiter Kai Wacholder über das Strom- und Gasgeschäft. „Jeder versucht, beim anderen Unternehmen Kunden wegzunehmen.“ An der Haustür und am Telefon würden Kunden der Stadtwerke von unseriösen Werbern „nach Strich und Faden belogen.“

„Ein ganz gemeiner Trick“

Christa Knobloch ist auf listige Telefonwerbung für Strom und Gas hereingefallen

Wie bestens geschulte Telefonwerber auch fitte Senioren austricksen und mit Energieliefer-Verträgen für Strom und Gas über den Tisch ziehen, zeigt der Fall von Christa Knobloch. Bei der 78-Jährigen klingelte Anfang Juni in der Wohnung an der Friedrich-Ebert-Straße das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Eine Telefonagentin des Energiediscounters Eprimo, einer Tochtergesellschaft des Enegiekonzerns RWE. „Wir wollen Ihnen ein nettes Angebot machen“, sagte die Telefonwerberin. 

„Das brauchen wir nicht“, war die erste Reaktion von Christa Knobloch. Heute bedauert die Seniorin, dass sie nicht gleich aufgelegt hat. „Hören Sie sich das doch mal an“, sagte die Eprimo-Werberin, Christa Knobloch blieb am Telefon. Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Eine Stunde lang wurde die Renterin am Telefon bearbeitet. Unter anderem berichtete die Werberin von ihrer Mutter, die angeblich in Kassel an der Schönfelder Straße wohne und ebenfalls schon die günstigen Tarife für Strom und Gas nutze: „Mit der können sie gerne mal reden.“ 

Schon kurz nach dem Telefonat ahnte Christa Knobloch, auf was sie sich da eingelassen hatte. „Was hast du da gemacht“, fragte Ehemann Werner Knobloch (82). „Es ist mir schleierhaft“, sagt seine Ehefrau. Bei einem solchen Telefonat mit geschulten Werbern „kommt man ein bisschen von der Rolle.“ Sie widerspricht schriftlich per Einschreiben dem am Telefon geschlossenen Vertrag.

Trotzdem kommt wenige Tage später eine Abbuchungsankündigung von Eprimo. Das Unternehmen erklärt, mit einer Frau Knobloch gebe es gar keinen Vertrag, der laute ja auf den Ehemann Werner Knobloch. Deshalb ging der Widerspruch ins Leere. „Ein ganz gemeiner Trick“, findet Christa Knobloch. Denn inzwischen war die 14-tägige Widerspruchsfrist abgelaufen. „Das hat uns immer mehr wütend gemacht“, bekennt das Ehepaar. Woher Eprimo den Namen des Ehemannes kennt, wissen die Knoblochs bis heute nicht. Womöglich wurden von den Werbern auch Telefonbuch-Daten oder andere Quellen genutzt.

„Für mich ist das schon kriminell“, ärgert sich die Rentnerin. Inzwischen kam auch die Nachricht von den Kasseler Stadtwerken, bei denen die Knoblochs seit mehr als 40 Jahren Kunden sind. Die Strom- und Gaslieferung sei von Eprimo gekündigt worden und werde jetzt von diesem Unternehmen weitergeführt. Knoblochs gingen voller Verzweiflung zur Kasseler Verbraucherberatung im Kulturbahnhof und ließen sich dort helfen.

Das sagt der Anbieter

Werbepartner arbeiten gesetzestreu

„Wir haben bei dem Telefongespräch unserer Werberin mit Frau Knobloch nichts Unanständiges gefunden“, sagt Jürgen Rauschkolb, Sprecher der Eprimo GmbH in Neu-Isenburg. Er hat sich die Aufzeichnung des Telefonats zusammen mit Mitarbeitern der Rechtsabteilung des Strom-und Gasanbieters angehört. Alle Telefonate würden zur Sicherheit aufgezeichnet, wenn der Angerufene dem zustimme. Man lege Wert darauf, dass die Werbepartner gesetzestreu arbeiten würden. Wenn unsauber gearbeitet werde, „ist das nicht in unserem Sinne.“ Auch eine Genehmigung der Knoblochs für solche Werbeanrufe liege nach Angaben des Werbepartners vor. Es sei aber anscheinend so, dass sich ältere Menschen im Zusammenhang mit solchen Angeboten für günstige Strom- und Gaslieferverträge „überrumpelt fühlen“, sagt Rauschkolb. Die Kündigung des Vertrags werde angenommen und dem Ehepaar Knobloch bestätigt, kündigt der Sprecher an.


Die Lügen der Drücker und Telefonwerber

Die Kasseler Stadtwerke haben aus Berichten von Kunden diese Lügen von Drückern an der Haustür und Telefonwerbern aufgelistet. Eine Vielzahl von Unternehmen haben die Stadtwerke wegen solcher Behauptungen bereits gerichtlich abgemahnt. Das wird Kunden der Stadtwerke am Telefon oder an der Wohnungstür erzählt:

• Man sei im Auftrag der Städtischen Werke Kassel unterwegs.

• Das Unternehmen kooperiere mit den Städtischen Werken.

• Die Kasseler Stadtwerke seien bald insolvent. Wenn man jetzt nicht wechseln würde, hätte man bald keinen Strom mehr.

• Wenn man nicht sofort wechsle, könne man nicht sparen.

• Der Vertrag müsse überprüft werden

• Das Unternehmen sei „Hauptstromversorger“ oder Vorversorger der Städtischen Werke. Ein direkter Vertrag spare Geld.

• Die Städtischen Werke gehörten zum Wettbewerbsunternehmen.

• Die Stadtwerke seien nur die Verwaltung und fielen demnächst ganz weg.

• Städtische Werke-Kunden würden demnächst automatisch von anderen Unternehmen mit Energie beliefert.

• Kunden der Städtischen Werke seien verpflichtet, sich bei anderen Unternehmen zu melden und dort Energielieferverträge abzuschließen.

• Der Zähler müsse geprüft werden.

• Der günstige Preis gelte nur heute.

• Die Städtischen Werke hätten keinen Naturstrom, sondern Atomstrom.

• Die Stadtwerke würden in Kürze die Preise erhöhen.

• Die Stadtwerke kauften den Strom ohnehin von den Rheinisch-Westfälischen Elektriztätswerken RWE. Dann könne man sich ja gleich von der RWE versorgen lassen.


Tipps von Polizei und Verbraucherberatung - und was die Kasseler Stadtwerke zu dem Thema sagen, lesen Sie in der gedruckten Kasseler HNA von Dienstag

Rubriklistenbild: © dpa

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