Wegen schwerem Raub und Körperverletzung

Angeklagter flehte um Gnade - muss aber trotzdem ins Gefängnis

Kassel. 28 Monate muss ein 62-jähriger Hartz-IV-Empfänger aus Kassel in Haft, weil er im Juni 2015 unter Alkoholeinfluss in seine alten Muster verfiel.

Wegen schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls schickt die 5. Große Strafkammer den mehrfach einschlägig vorbestraften Mann ins Gefängnis, wo er schon Jahre seines Lebens verbrachte.

„Nicht in den Knast. Das halte ich nicht aus, ich bin über 60“, hatte der Mann in seinem Schlusswort um Gnade gefleht. Aber seine Vergangenheit kreidete das Gericht ihm an. 55 Minuten hatte Richter Jürgen Stanoschek aus dem Vorstrafenregister des unauffällig wirkenden Mannes mit der sonnengegerbten Haut und dem grauen Kurzhaarschnitt vorgelesen. Seit seiner Jugend war der Südhesse mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In den 80er-Jahren wurde er wegen erpresserischen Menschenraubes und mehrerer, teils bewaffneter Banküberfälle verurteilt.

Dagegen muteten die am Dienstag verhandelten Fälle fast harmlos an. Anfang Juni 2015 hatte der Angeklagte beim Besuch eines Bekannten in einem unbeobachteten Moment in dessen Portemonnaie gegriffen und 200 Euro geklaut. Geld, das der gehbehinderte Kumpel für den Pflegedienst bereit gelegt hatte. Für diese Tat schäme er sich, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Dennoch sei er nicht auf die Idee gekommen, das Geld zurückzuzahlen, rügte ihn der Richter. Vier Tage später griff der Mann, den die Staatsanwältin einen „Gewohnheitstrinker“ nannte, abends einen heute 63-Jährigen auf dem Parkplatz zwischen Spielothek und Parkhaus in der Schombergstraße von hinten an und versuchte diesem eine Einkaufstüte zu entreißen. Zwölf Euro waren die gebratene Putenbrust und die Schmerztabletten wert, die sich in der Plastiktasche befanden. „Das war nicht drauf angelegt, die große Kasse zu machen“, sagte der Strafverteidiger und nannte die abendliche Tat einen „Spontanentschluss“, der aus dem Täter ein Opfer machte.

Denn bei dem breitschultrigen Kraftfahrer war der schmale Angeklagte an den Falschen geraten. Der gehöre nicht nur zu „einer anderen Gewichtsklasse“, wie es Richter Stanoschek formulierte, sondern trat als Zeuge vor Gericht auch äußerst couragiert und entschlossen auf.

Von einer Entschuldigung wollte der kampfsporterfahrene Mann nichts wissen und auch vom Pfefferspray, das der Angeklagte bei dem Raub einsetzte, ließ er sich nicht beeindrucken. „Da der Indianer keinen Schmerz kennt, bin ich natürlich gleich drauf auf den. Ich dachte: Den lässte nicht laufen.“

So trug der Angeklagte noch eine Gehirnerschütterung davon. Die sei vielleicht für seine Erinnerungslücken verantwortlich, sagte ein Sachverständiger der Gießener Rechtsmedizin. Denn in schönstem Fankfurterisch wiederholte der gebürtige Südhesse auf die Fragen zum Tathergang immer wieder: „Isch waas es nimma,“

Von Andrea Liese

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