Amazon-Dienstleister wehrt sich

H.E.S.S.-Security wehrt sich gegen Kritik - Amazon kündigt weiterer Firma

Kassel/Rotenburg. Die Wogen schlagen hoch: Nachdem die Kasseler Sicherheitsfirma H.E.S.S. vom Internethändler Amazon gefeuert worden ist, steht das Telefon beim Chef der Sicherheitsfirma nicht mehr still. Am Dienstagmorgen wurde ausserdem bekannt, dass einer weiteren Zeitfirma gekündigt wurde.

Zuletzt aktualisiert um 8.24 Uhr.

Amazon hat sich am späten Montagabend von einem weiteren Dienstleister getrennt. Die Firma war unter anderem für die Unterbringung der in der Weihnachtszeit eingesetzten Zeitarbeiter verantwortlich. "Es ist uns eindeutig nicht gelungen, die Einhaltung unserer hohen Standards auch durch den Dienstleister, der für Unterbringung, Transport und den Einsatz der Sicherheitskräfte verantwortlich war, zu gewährleisten", teilte Amazon am späten Montagabend in München mit.

Interview mit H.E.S.S.-Security-Chef Patrick Hensel

Wir führten ein exklusives Interview mit Patrick Hensel, der sich gegen die Vorwürfe zur Wehr setzt.

Herr Hensel, in Ihrer ersten Stellungnahme schreiben Sie, dass Sie erst nach Recherchen darauf kamen, künftig Thor-Steinar-Kleidung zu untersagen. Wussten Sie im Ernst nicht, dass Thor Steinar eine bei Rechten beliebte Marke ist?

Patrick Hensel: Unsere Mitarbeiter tragen im Einsatz die von uns vorgeschriebene einheitliche Dienstkleidung mit unserem Firmenlogo. Im Gegensatz zu dem wahrheitswidrigen Eindruck, den die ARD-Reporter erwecken, trugen die Mitarbeiter die beanstandete Kleidung nur in ihrer Freizeit. Welcher Arbeitgeber weiß, welche Kleidung seine Mitarbeiter in Ihrer Freizeit tragen? Wir haben jedenfalls erst davon erfahren, als die Vorwürfe laut wurden. Und wir haben den Hinweis sofort sehr ernst genommen und mit einer Dienstanweisung reagiert.   

Was waren das für Mitarbeiter, die die Thor-Steinar-Kleidung trugen?

Hensel: Die Mitarbeiter sind als sehr zuverlässig bekannt und bis zu dem Fernsehbericht nicht negativ aufgefallen.

Hatten Sie im Seepark einen Subunternehmer beschäftigt oder waren es eigene Mitarbeiter?

Hensel: Wir waren im Seepark durch eigene Kräfte präsent.

Die Journalisten des HR sagen, es gibt von Ihnen Fotos mit Rechtsradikalen. Stimmt das? Wie würden Sie ihre politische Einstellung beschreiben?  

Hensel: Wie auch in zahlreichen anderen Punkten des Beitrags nehmen es die HR-Journalisten weder mit der Recherche noch mit der Wahrheit sonderlich genau. In unserem Unternehmen werden grundsätzlich weder politisch noch religiös extreme Einstellungen toleriert.

Es gibt weder Kontakt in irgendeine radikale Szene noch gibt es logischerweise entsprechende Fotos. Ein in dem Filmbeitrag gezeigtes angebliches Beweisfoto zeigt einen Mitarbeiter, der eine Gruppe KSV-Fans zu einem Auswärtsspiel begleitet. Natürlich lassen sich Fotos böswillig uminterpretieren. Beispielsweise wenn unsere Leute bei Einsätzen in Stadien oder bei Musik-Events Polizei und Ordner unterstützen und zusammen mit der zu bewachenden Klientel auf Pressebildern abgebildet sind.

Wie überprüfen Sie ihre Mitarbeiter hinsichtlich der  politischen Einstellung?

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Hensel: Mitarbeiter im Bewachungsgewerbe werden entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen auf Eignung und Zuverlässigkeit überprüft. Neben einer fachlichen Prüfung müssen Sie ein sauberes Führungszeugnis vorweisen. Eine Gesinnungsprüfung kann und darf aus datenschutz-, persönlichkeitsschutz- und arbeitsrechtlichen Gründen bei uns eben so wenig stattfinden wie bei anderen Arbeitgebern. Sonst bekämen wir zu recht sofort Ärger mit den Gewerkschaften. Aber wir verpflichten unsere Mitarbeiter im Dienst zu strikter politischer und religiöser Neutralität. Künftig werden wir, soweit rechtlich zulässig, diese Verpflichtung auf den gesamten persönlichen Bereich ausdehnen.   

Was genau war eigentlich die Aufgabe ihrer Mitarbeiter im Seepark? Haben die Fremdarbeiter überwacht und wurde ein Journalistenteam in der Arbeit behindert?

Hensel: Nach unserer Kenntnis hat es in der Vergangenheit immer wieder unschöne Vorkommnisse mit Gästen gegeben: Schlägereien, Diebstähle und Sachbeschädigungen bis hin zu der Verwüstung von Unterkünften. Es ist Sache des Hoteliers oder Gastronomen, wenn er durch den präventiven Einsatz von Sicherheitskräften solche Zustände unterbindet. Allein durch die Präsenz unseres Wachpersonals hat die Zahl von Zwischenfällen abgenommen.

Was das Journalistenteam betrifft  -  die Sachlage ist genau umgekehrt. WIR haben die Polizei zur Unterstützung gerufen, weil die Reporter auf Privatgelände eingedrungen waren und es trotz Aufforderung nicht verlassen wollten. Jetzt wird gegen die Reporter wegen Hausfriedensbruchs ermittelt. Darüber berichtet die ARD in dem Filmbeitrag natürlich nicht.   

Nach der Kündigung durch Amazon: Ist ihr Unternehmen jetzt in der Existenz gefährdet?

Hensel: Nein. Dass Amazon aufgrund des Mediendrucks einen öffentlichkeitswirksamen Befreiungsschlag landen musste verstehen wir. Das war zu erwarten. Glücklicherweise haben wir zahlreiche Projekte und Kunden, die uns gut genug kennen um nicht populistisch zu reagieren und auf den Vorverurteilungszug aufzuspringen. Es ist wohltuend, dass wir gerade aus dem Kreis zufriedener Kunden in den vergangenen Tagen auch viel Zuspruch bekommen haben.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus der ganzen Affäre?

Hensel: Unsere ohnehin geltenden Neutralitäts- und Verhaltensregeln werden jetzt nochmals in einem "Code of Conduct" arbeitsrechtlich verbindlich schriftlich niedergelegt. Außerdem werden wir in unsere Schulungsprogramm aufnehmen, dass auch eindeutige und klare Rechtslagen von dritten  falsch verstanden und missinterpretiert werden können.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Ihr Firmenname würde an den Hitler-Stellvertreter Heß erinnern?

Hensel: Bei der Namensbenennung sind wir überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass so eine absurde Verbindung hergestellt werden könnte. Die Buchstaben sind eine Zusammensetzung aus meinem Namen und der angebotenen Dienstleistung, nämlich europäischer Sicherheits Service. Allerdings nehmen wir den Vorgang zum Anlass, die Firma demnächst umzubenennen, damit künftig Missverständnisse gar nicht erst aufkommen können.

Muss Ihre Branche generell etwas am Image tun?

Hensel: Der Ruf des Bewachungsgewerbes ist im Allgemeinen sicherlich nicht schlechter als der Ruf von Fernsehreportern.

Haben Sie sich nach der Affäre von Mitarbeitern getrennt? Wie viele Menschen haben sie überhaupt beschäftigt?

Hensel: Wir haben umgehend eine arbeitsrechtliche Prüfung eingeleitet und werden uns von den Mitarbeitern trennen, sofern das rechtlich zulässig ist. Wir können und wollen mit Blick auf die Befindlichkeit unserer Kunden und der knapp 50 fest angestellten Mitarbeiter nicht den Hauch eines Verdachtes im Raum stehen lassen.

Allerdings haben Ermittlungen auch ergeben, dass sich die im Seepark eingesetzten Mitarbeiter im Dienst absolut nichts zu Schulden haben kommen lassen. Und ob es für eine ordentliche oder sogar außerordentliche Kündigung ausreichend ist, in der Freizeit eine umstrittene Jacke zu tragen, wird von den hinzugezogenen Arbeitsrechtlern eher skeptisch beurteilt. Das letze Wort wird hier wohl irgendwann ein Arbeitsgericht sprechen. (tho/dpa)

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