Marktplatz: Seit Jahrzehnten außer Dienst

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Original gewebt: Dorothea Becker-Puhl besitzt noch ein Stück Stoff, welches ihre Tante auf dem Webstuhl hergestellt hat.

Meine Tante Gundula hat als junge Erwachsene auf diesem Webstuhl die Kunst des Webens erlernt“, berichtet Dorothea Becker-Puhl.

Das war Anfang/ Mitte der 50er Jahre. Mit den im Laufe der Zeit hergestellten individuellen Stoffen wurde dann die ganze Familie eingekleidet: „Wenn sie zu Besuch kam, hatte sie immer Schnitte für Kleidung dabei, die sie aus Papier mit Blumenmuster vorbereitet hatte. Die wurden dann am späteren Träger angepasst und abgesteckt. Beim nächsten Mal gabs dann etwas zum Anziehen – von ihr genäht aus selbstgewebtem Stoff.“

Erinnerungen aus der Kinderzeit, denn bald arbeitete die Tante an der Universität Gießen und kam nur noch an den Wochenenden in das 1936 von ihren Eltern erbaute Riedwiesenhaus. Der um 1950 angeschaffte gebrauchte Webstuhl aber blieb im Haus, wurde lediglich irgendwann vom Dachgeschoss in den Keller umgestellt.

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Aber jetzt, nach dem Tod der Tante, soll das Haus saniert werden. „Weil niemand in der Familie weben kann, steht der Webstuhl nun im Weg und wir würden ihn gern in Hände geben, die mit ihm umgehen können.“ Aus Eiche gefertigt ist das gute Stück noch genauso original wie das Riedwiesenhaus, allerdings wesentlich älter als jenes. „Dieser Haustyp wurde extra für das Projekt der Riedwiesen-Anlage entwickelt, mit dem 1925 begonnen wurde“, erklärt Architekt Elmar Kriesten, der das gemeinsame Sanierungsprojekt der vier Becker-Neffen und Nichten leitet. Charakteristisch für diesen Haustyp seien unter anderem das steile zweigeschossige Satteldach, dessen seitlichen Auskragungen und Fensterläden. Auch die Grundrisse der einzelnen Geschosse und die zentrale Luftbeheizung des ganzen Hauses über ein gemauertes Schachtsystem vom Keller aus seien Ausdruck einer sehr fortschrittlichen Bauphilosophie in den 20er und 30er Jahren. „Wir wollen so viel wie möglich der originalen Teile und Details erhalten, wenn das technisch möglich ist und dem Wohnkomfort der heutigen Zeit nicht entgegen steht“, betont Dorothea Becker-Puhl.

Im Gegensatz dazu scheint der Webstuhl aus einer ganz anderen Zeit zu kommen. Sein Alter kann nur geschätzt werden, denn ein Hinweis darauf findet sich nicht. Aus Eiche, offensichtlich noch von Hand bearbeitet und verziert, bestehen nicht nur das Grundgestell, Rahmen und Leisten, sondern auch die meisten Maschinenteile bis hin zum Zahnrad. Einige Teile müssen im Laufe der Zeit ausgetauscht worden sein. „Das sieht man an der Verwendung einer anderen Holzart“, berichtet Christian Becker, Bruder von Tante Gundula und Vater von Dorothea Becker-Puhl. Das müsse aber vor dessen Einzug bei Familie Becker geschehen sein, denn er könne sich an derartige Maßnahmen nicht erinnern.

Von Constanze Junker

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