Sexuelle Gewalt an Kindern: „Die Opfer haben lebenslänglich“

Stefanie Burmester Foto: Hein

Kassel. "Uns sind Täter in jeder gesellschaftlichen Position bekannt - bis hin zu Trägern des Bundesverdienstkreuzes." Die Kasseler Sozialpädagogin Stefanie Burmester äußert sich im Interview über die Arbeit mit den Betroffenen von sexueller Gewalt.

Anlass ist das Jubiläum 25 Jahre „Kooperationsarbeitskreis Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt aktiv“. Wir unterhielten uns mit der Sprecherin Stefanie Burmester. Sie leisten als Hilfsorganisation bei sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen ein schweres Stück Arbeit. Gibt es für Sie Grundsätze, Richtlinien, die Ihnen helfen? 

Stefanie Burmester: Ja: Wir glauben dem Kind, sobald es mit uns spricht. Es kommt nicht selten vor, dass Kinder sieben Mal einen Tathergang schildern müssen, bis ihnen geglaubt wird. Da geben viele vorher auf. Das darf nicht sein. Das wollen wir verhindern.

Wir müssen über die Täter sprechen, sonst schützen wir sie. Wir dürfen uns nicht von Titeln oder Funktionen beeinflussen lassen und denken: So jemand macht das nicht. Uns sind Täter in jeder gesellschaftlichen Position bekannt bis hin zu Trägern des Bundesverdienstkreuzes.

Was fordern Sie?

Burmester: Generell muss immer wieder von Neuem aufgeklärt und informiert werden. Es muss im Bewusstsein sein, dass der Hinweis auf sexuellen Missbracuh keine Verleumdung ist, sondern Fürsorge. Da muss noch mehr Öffentlichkeitsarbeit geschehen.

Viele Mütter bekommen Missbrauch in der Familie mit und gucken weg. Andere sind blind, weil sie vielleicht selber missbraucht worden sind. Diese Frauen brauchen Unterstützung. Es gibt ganze Generationen von sexuell missbrauchten Frauen. Uns sind Urgroßväter als Täter bekannt, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Sexueller Missbrauch hat immer etwas mit Macht zu tun, mit Machtmissbrauch. Man kann sich nicht vorstellen, dass Säuglinge missbraucht werden, Alte, Menschen im Wachkoma. Aber diese Fälle sind uns bekannt.

Können Gesetze etwas ändern? 

Burmester: Die Arbeit mit den Tätern muss sich ändern. Die meisten müssten früh therapeutisch behandelt werden. Für die Arbeit mit jugnedlichen Tätern fehlt das Geld.

Weil erfahrungsgemäß viele Täter von Arbeitbereichen angezogen werden, wo sie mit Kindern und Jugendlichen Kontakt haben, ist es wichtig, dass auf das eingeführte Führungszeugnis geachtet wird. Es muss nach drei Jahren erneuert werden. Darauf muss geachtet werden. Viele Täter, etwa wenn es sich um einen Lehrer unter Verdacht handelt, werden einfach nur versetzt.

Kommt es schließlich zu einem Prozess, darf es nicht sein, wie kürzlich, dass sich dieser über zwei Jahre hinzieht.

Wie gehen Sie mit den Kindern um, die sich bei Ihnen melden? 

Burmester: Mit den Opfern muss ganz behutsam umgegangen werden. Wenn ein Vater, Stiefvater, Großvater oder anderer Mann in der Familie, der Kinder sexuell missbraucht, damit droht, dass er ins Gefängnis muss, wenn das Kind etwas verrät, dann schweigt das Kind in der Regel. Es gibt nicht wenige missbrauchte Kinder, die zu uns sagen: Das machen doch alle Väter. Für diese Opfer ist sexuelle Gewalt so normal wie ein Gute-Nacht-Kuss.

Was ärgert Sie?

Burmester: Selbst wenn es gelingt, dass ein Täter verurteilt wird: Er kommt nach kurzem wieder aus dem Gefängnis. Die Opfer haben lebenslänglich.

Zur Person 

Die Sozialpädagogin/-arbeiterin Stafanie Burmester hat an der Gesamthochschule Kassel studiert. Sie ist die Sprecherin des Kasseler Kooperationsarbeitskreises „Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt aktiv“. Seit dem Studium hat sich Stefanie Burmester in der Frauen- und Mädchenarbeit engagiert, unter anderem im Frauenhaus. Sie war 1992 Mitbegründerin des Kasseler Mädchenhauses und später des Malala-Mädchenzentrums.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.