5000 Beschäftigte an 41 Standorten

70 Jahre Rudolph-Gruppe: Ein Meister der Logistik

Seltenes Foto aus den Anfangsjahren: Es zeigt Firmengründer Justus Rudolph (rechts) vor einem Lkw auf dem alten Hof in Guntershausen. Die Identität der zweiten Person ist nicht bekannt. Fotos: Rudolph/nh

Baunatal/Kassel. Als Justus Rudolph 1946 inmitten von Trümmern mit seinen Söhnen Hans und Karl im heutigen Baunataler Stadtteil Guntershausen ein Fuhrgeschäft gründete, hat er nicht ahnen können, dass er den Grundstein für ein europaweit agierendes Logistik-Unternehmen gelegt hatte.

Heute, 70 Jahre später, ist die Rudolph Logistik Gruppe mit ihren 5000 Beschäftigten – davon 1150 in Nordhessen – an 41 Standorten im In- und europäischen Ausland sowie in Dubai ein Partner von Auto- und Lebensmittelindustrie, von Bahntechnik-Zulieferern und Online-Händlern.

Schwerpunkt der Aktivitäten der Logistik-Spezialisten ist die Autoindustrie, die für 70 Prozent des Rudolph-Umsatzes sorgt. Für Volkswagen und BMW holen die Baunataler mit 100 eigenen und 400 bei Spediteuren gebuchten Lkw Ware bei den Zulieferern ab und verteilen sie zeitgenau auf die jeweiligen Werke. Sie füllen das weltweite Ersatzteillager von Volkswagen in Baunatal (OTC) immer wieder mit Komponenten aus den Satelliten-Lagern in der gesamten Region auf, darunter auch das in Volkmarsen mit den beiden 50.000 und 90.000 Quadratmeter großen Megahallen. Sie betreiben riesige Lagerflächen im gesamten Bundesgebiet und im europäischen Ausland sowie in Dubai. Sie sorgen für den Nachschub in großen Werken, lagern Teile von Lieferanten ein, montieren sie vor und kommissionieren. Auch Daimler und Ford gehören zur Kundschaft.

Dr. Torsten Rudolph

Die Versorgung mit Produkten eines bekannten Babynahrungsherstellers für Deutschland und für Teile Österreichs und der Schweiz wird vom Standort Ingolstadt aus gesteuert. Die weltweite Ersatzteilversorgung eines führenden Herstellers für Gasmotoren erfolgt in Lorsch. Auch der Dichtungsproduzent Freudenberg, ein großer Bahntechnik-Zulieferer und Online-Händler Manufactum bauen auf den Logistik-Dienstleister aus Kassel.

Der wird in vierter Generation von Torsten Rudolph geführt, der nach dem Studium der Betriebswirtschaft und einer zehnjährigen Karriere bei verschiedenen Unternehmensberatungen 2007 ins Unternehmen einstieg, zwei Familiengesellschafter ausbezahlte und heute Alleingesellschafter ist. Damals hatte die Gruppe 2000 Beschäftigte.

Den Erfolg des Unternehmens führt der 45-Jährige auch auf ein bereits von Vater Jürgen und Großcousin Werner eingeleitetes Wachstumsprogramm zurück. „Das habe ich konsequent weiterverfolgt. Das war viel Arbeit“, so der Firmenchef. Unerwartete Hilfe bekam er von der Finanzkrise 2009/10, als viele Unternehmen die Gelegenheit nutzten, verstärkt Logistik-Leistungen auszulagern.

Der Umsatz ist seither rapide gestiegen, seit 2013 um 36 Prozent auf 364 Millionen. Der Trend hält an: Bis 2018 will Rudolph die 500-Mio.-Euro-Marke knacken. „Wir könnten schneller wachsen, aber uns fehlen die Kapazitäten, um an noch mehr Ausschreibungen teilzunehmen“, erklärt er. Mit dem anpeilten Umsatzzuwachs sind neue Stellen verbunden, „allerdings eher außerhalb Nordhessens“.

200 Fußballfelder große Fläche

Die Rudolph Logistik Gruppe ist schon längst kein klassischer Spediteur, der Ware „nur“ von A nach B bringt. Das extrem IT-lastige Geschäftsmodell der Baunataler ist extrem komplex und greift tief in die Fertigung der Kundschaft ein. Wenn Rudolph einen Fehler macht, stehen die Bänder in den Fabriken der Autobauer und anderer Kunden still.

Die Produktionslogistik umfasst nicht nur den Betrieb von Lagern und die passgenaue Anlieferung von Komponenten, sondern auch die so genannte Inhouse-Logistik. Das heißt: Rudolph bewegt die Teile und Erzeugnisse auch innerhalb der weit verzweigten Werke und das zunehmend auch in anderen Investitionsgüterbranche. „Lagern, Kommissionieren und individuelle, auf den Kunden zugeschnittene Lösungen entwickeln – das sind unsere Stärken“, erklärt Geschäftsführer Torsten Rudolph.

Für den Online-Händler im gehobenen Preissegment, die Otto-Tochter Manufactum, wickeln die Baunataler die gesamte Logistik ab. In einem eigenen Lager in Gudensberg stellen sie die Bestellungen zusammen, verpacken sie, schicken die Ware auf die Reise in alle Welt und bearbeiten die Retouren.

Das rasante Wachstum der Gruppe seit Übernahme der Geschäfte durch Torsten Rudolph zeigt sich nicht nur in den Beschäftigungszahlen, sondern auch in der Lagerfläche, die sich seither auf 1,4 Millionen Quadratmeter (m2) fast verdreifacht hat. Das entspricht fast 200 Fußballplätzen. Davon entfällt fast eine halbe Mio. m2 auf Nordhessen. Zum Vergleich: 2007 war es mit nur 76.000 m2 ein Bruchteil der heutigen Fläche.

Unternehmens-Chef Torsten Rudolph ist verheiratet. In seiner knapp bemessenen Freizeit tanzt der 45-Jährige oder widmet sich dem Westernreiten.

Die Geschichte der Rudolph-Gruppe

1946: Am 13. November erhält Justus Rudolph die Genehmigung für einen Fuhrbetrieb im Güternahverkehr. Hauptgeschäftsfeld ist zunächst der Transport von Baustoffen zum Wiederaufbau. Die Anfänge sind schwierig. Es mangelt an Fahrzeugen, Ersatzteilen und Treibstoff. Die Söhne Hans und Karl bauen aus Altbeständen einen Lkw mit Holzvergaser . Die J. Rudolph & Söhne OHG ist geboren.

1950: Rudolph erhält eine Genehmigung für den Güterfernverkehr. Noch immer geht es überwiegend um den Transport von Baumaterial.

1957: VW errichtet das Werk in Baunatal. Rudolph hilft kräftig mit und betritt mit Zwischenverkehren innerhalb des Werks ein neues Geschäftsfeld.

1963: Der Tanzsaal der damaligen Gaststätte „Baunabrücke“ dient als erste Umschlaghalle (800m2). Ein Jahr später entsteht auf einem Grundstück gegenüber ein kleines Verwaltungsgebäude.

1969: Der Firmengründer zieht sich zurück. Die Söhne Hans und Karl übernehmen. Im selben Jahr tritt Karls Sohn Jürgen und zwei Jahre darauf der von Hans, Werner, ins Unternehmen ein. 1974 kommt noch Hans Rudolphs Schwiegersohn Gottfried Kretschmer in die Geschäftsleitung.

1971-1973: Gründung der ersten Niederlassung in Seesen. Aufnahme von Auslandsverkehren und Einführung einer modernen Datenverarbeitung – damals eine Revolution.

1983: Hans Rudolph stirbt. Das Unternehmen wandelt sich in eine GmbH.

1989: Gründung des Paketdienstes German Parcel (heute GLS) mit weiteren 24 mittelständischen Spediteuren. Ausweitung des Geschäfts nach Ostdeutschland und -europa.

1997: Einstieg in die Konsumgüterlogistik und Aufbau des ersten Auslandsstandorts im ungarischen Györ, wo Audi bis heute das TT-Modell baut.

2000: Ausweitung des Geschäfts nach Westeuropa und Großbritannien.

2007: Torsten Rudolph tritt in die Geschäftsleitung ein. Aufnahme des Betriebs eines Logistikzentrums in Dubai.

2008: Werner Rudolph zieht sich aus dem Geschäft zurück.

2009/10: Bau eines Verteilzentrums für Bio-Lebensmittelhändler in Lorsch (Südhessen).

2012: Bau neuer Logistikzentren: eine 50 000 m2 große Halle für das VW-Ersatzteilgeschäft in Volkmarsen, sowie Erweiterungen in Lorsch und Györ. Rudolph beschäftigt 2200 Mitarbeiter.

2014: Bau der mutmaßlich größten Logistikhalle weltweit in Volkmarsen: 90.000 m2 für VW.

2016: Rudolph feiert mit seinen 5000 Mitarbeitern Jubiläum.

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