Fazit einer Kasselerin: Zeit- und Geldverschwendung

"Sinnloses Seminar": Tagebuch über Qualifizierungs-Kurs der Arbeitsagentur

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Fand Weiterbildung von Arbeitsagentur sinnlos: Simone Garn schrieb ein Tagebuch darüber.

Kassel. Zeit- und Geldverschwendung: Das ist das Fazit von Simone Garn zu einer Qualifizierungsmaßnahme der Arbeitsagentur. Die 50-Jährige wurde nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit in einen Kurs geschickt. Darüber führte die Kasselerin Tagebuch und kritisiert Dozenten und Inhalte scharf.

Zweiter Tag im Weiterqualifizierungsseminar der Agentur für Arbeit: Der Lebenslauf von Simone Garn wird gelobt, der Dozent hat nichts auszusetzen - im Gegenteil. Als die Kasselerin dem Dozenten sagt, dass sie eigentlich schon eine Jobzusage hat, fragt der: „Was wollen Sie eigentlich noch hier?“ Das hat sich die 50-Jährige häufig gefragt. Sie hat aufgeschrieben, wie sinnlos ihrer Meinung nach viele der Inhalte sind, die ihr in dem achtwöchigen Seminar beigebracht werden sollten. Andere Teilnehmer bestätigen ihre Sicht.

Entsprechend ernüchtert fällt ihr Fazit aus: Ihr hätten nur wenige Inhalte etwas gebracht, das Seminar sei Zeitverschwendung gewesen - und rausgeworfenes Geld für den Steuerzahler.

Simone Garn ist 50 Jahre alt und gut ausgebildet, wie sie sagt. Sie lernte Fremdsprachenkorrespondentin, spricht mehrere Sprachen und arbeitete zuletzt als Assistenz der Geschäftsführung in einem großen Unternehmen in Südhessen. Trifft man Simone Garn, dann merkt man: Da sitzt eine Frau, die sich ihrer Fähigkeiten bewusst ist. Um nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle von Kassel nach Südhessen pendeln zu müssen, kündigte Garn ihren Job. Im Oktober 2014 wurde sie arbeitslos.

Die Suche dauerte länger als erwartet. Nach sechs Monaten entschloss sich die Agentur für Arbeit, Garn weiterzubilden. „Projekt Vermittlungsorientiertes Aktivcenter“ - heißt das Angebot.

Ab welchem Zeitpunkt den Arbeitsuchenden eine solche Weiterbildung angeboten werde, sei unterschiedlich, sagt Silke Sennhenn, Sprecherin der Arbeitsagentur Kassel. Die Agentur wolle so vermeiden, dass Langzeitarbeitslosigkeit drohe. Es handelt sich um ein Hilfsangebot, sagt Sennhenn.

Anbieter des Kurses ist „Die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration“ (GFI). Diese wird von der Arbeitsagentur dafür bezahlt.

Schon mit der Teilnahme am Kurs habe der Ärger begonnen, schildert Garn: Mitte April sollte der achtwöchige Kurs starten. Dabei hatte sie schon eine Stelle in Aussicht. „Es wäre doch klüger gewesen, dass eine andere Person, die die Weiterbildung nötiger hat, diese bekommt“, sagt die 50-Jährige. Von ihrem künftigen Arbeitgeber hatte Garn eine Zusage für den 1. Mai oder den 1. Juni. Das teilte sie der Agentur mit. Aber: „Eine mündliche Zusage reicht nicht“, sagt Agentursprecherin Sennhenn, der Vertrag müsse vorliegen. Somit begannen mehrere Wochen Unterricht, die sich aus Sicht von Garn völlig unbefriedigend gestalten. Bei der Arbeit an den Computern sei das Internet defekt, Dozenten seien nicht qualifiziert und motiviert, Inhalte seien belanglos und wirkten als Beschäftigungstherapie. Die Arbeitsagentur weist die Vorwürfe zurück.

Notizen aus dem Tagebuch

Tag 2: „Um 9.20 Uhr kurzzeitig Hektik. Obwohl erst um 9.30 Uhr Pause ist, dürfen wir den Raum verlassen, da als Highlight der Woche der Bäckerwagen dienstags und donnerstags direkt vor dem Gebäude hält.“

Tag 3: „Das Highlight des Tages ist, als der Referent zehn Minuten lang einen beamerunterstützen Vortrag hält, wie man Bewerbungen per Mail versendet - wichtigste Nachricht des Vormittags: Jürgen Klopp verlässt den BVB.“

Tag 4: „Heute morgen kommt glatt ein Dozent in die Klasse, der sich namentlich und mit seinem Werdegang vorstellt. Er ist (...) offenbar wirklich entschlossen, mit uns etwas bewegen zu wollen. Nur ist der Großteil der Gruppe leider absolut nicht motiviert.“

An einem anderen Tag: S. möchte heute eine Stunde früher gehen, weil er ein Bewerbungsfoto machen lassen will. Antwort von einem Referenten (...): Das können wir auch hier machen, die Praktikantin hat eine Digi-Cam dabei.“

Das sagt die Arbeitsagentur...

zu der Kritik an der Qualität

Die Arbeitsagentur in Kassel arbeitet seit drei Jahren mit der Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (GFI) zusammen. Die Erfahrungen sind positiv, sagt Silke Sennhenn, Sprecherin der Arbeitsagentur Kassel. Diese Förderprojekte würden von der Agentur ausgeschrieben und Träger wie die GFI könnten sich darauf bewerben. Regelmäßig fänden unabhängige Überprüfungen und Teilnehmerbefragungen statt. Diese fielen zu über 80 Prozent positiv aus. Bundesweit schneide dieser Träger sehr gut ab, habe Vermittlungsquoten von Arbeitslosen in Arbeit von 40 bis 50 Prozent der Teilnehmer.

zu der Kritik an den Dozenten

Die Dozenten müssen einen Berufs- oder Studienabschluss, zweijährige Arbeitstätigkeit sowie Erfahrung im Personalwesen nachweisen, sagt Sennhenn. Die Kritik, die Dozenten seien nicht qualifiziert gewesen, weise der Träger GFI zurück.

zu der Kritik am langsamen Internet

An einigen Tagen habe es Stromausfälle und Probleme mit dem Internet gegeben, sagte Sennhenn. Zum Teil seien die Computer verlangsamt, weil die Mitglieder auf unerlaubte Seiten gingen.

zu der Kritik, das Seminar sei zu teuer

Simone Garn will mitbekommen haben, dass die Arbeitsagentur pro Mitglied 4000 Euro für die Kurse an die GFI zahlt. Diesen Betrag könne man in keinster Weise bestätigen, sagte Sennhenn.

Kommentare

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