Mittwoch 22.15 Uhr bei Stern.tv

Söhne an den IS verloren: Kasseler schrieb Buch über verzweifelte Suche

+
Verzweifelt: Joachim Gerhard aus Kassel sucht seine Söhne, die sich dem IS angeschlossen haben. In seinem Buch schildert er seine Erlebnisse.

Kassel. Es ist ein Albtraum, in dem der Kasseler Joachim Gerhard seit beinahe zwei Jahren lebt.

Seine beiden Söhne schlossen sich im Oktober 2014 der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) an und sagten sich vom Vater los. 

Immer wieder reiste der 53-Jährige auf eigene Faust ins gefährliche syrische Grenzgebiet, um seine Kinder zu suchen – ohne Erfolg. Am Mittwoch um 22.15 Uhr sollte er bei Stern.TV im Fernsehen auftreten. 

Buch erscheint am Donnerstag

Seine Erfahrungen hat der Unternehmer, der in Kassel eine Immobilienfirma betreibt, nun in einem Buch verarbeitet. „Ich hole euch zurück – Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen“, heißt das 224 Seiten starke Werk, das ab morgen im Handel erhältlich sein wird. Darin erzählt Gerhard die Geschichte seiner Söhne. Wie die beiden im Alter von 21 und 17 Jahren plötzlich zum Islam konvertierten. Wie aus Jonas und Lukas – so ihre Namen in dem Buch – Hassan und Arif wurden. Wie sie plötzlich verschwanden, nach Syrien, um in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Sein Buch, sagt er, solle Jugendlichen und Eltern eine Warnung sein. „Ich will damit zeigen, dass die Macht des IS so groß ist, auch intelligente Jugendliche mit falschen Versprechen anzulocken.“

Fernseh-Auftritte

Das Medienecho ist groß. Gerhard wird in den kommenden Wochen mehrfach im Fernsehen zu sehen sein. Seinen ersten Auftritt hat der Kasseler Mittwoch Abend in der RTL-Sendung Stern TV, die ab 22.15 Uhr live übertragen wird. Auch dort wird er erzählen, dass er noch heute kaum fassen kann, wie schnell sich die Brüder radikalisierten, und dass er gleich beide Söhne an den IS verloren hat.

Keine Erklärung

Warum sie gegangen sind? „Das verstehe ich selbst nicht. Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe“, erzählt Gerhard. Doch seine Söhne hätten ihm nie Vorwürfe gemacht. Am Telefon hätten sie von den vielen unschuldigen Kindern gesprochen, die in diesem Bürgerkrieg getötet wurden und ihm erklärt, sie seien gegangen, um zu helfen und um den syrischen Staat neu aufzubauen. Gerhard ist sicher, dass sie nicht gegangen sind, um zu kämpfen. „Meine Söhne waren vor ihrer Abreise nicht radikal“, sagt er.

Viele Reisen nach Syrien

An die 20 Mal ist Gerhard inzwischen ins syrische Grenzgebiet gereist, um sie zu suchen. Mehrmals gab es die Hoffnung, sie gefunden zu haben und bald nach Hause holen zu können, doch alle Versuche schlugen fehl. Im März 2015 erhielt Gerhard dann die letzte Nachricht vom Handy seines ältesten Sohnes. Darin verkündete der IS, die Brüder Hassan und Arif seien tot, gestorben für Allah. Seither gibt es von ihnen kein Lebenszeichen mehr.

Keine Beweise für Tod

Im Februar dieses Jahres teilten die Sicherheitsbehörden Gerhard mit, dass es Hinweise auf zwei Brüder aus Kassel gebe, die in der Nähe von Kobane getötet worden sein sollen. „Aber es gibt keine Beweise dafür, dass meine Jungs tot sind“, sagt der 53-Jährige. Er wandte sich an die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Die teilte ihm mit, dass es keine gesicherten Erkenntnisse, sondern nur vage Informationen und Gerüchte zum Tod der Brüder gebe. Auf Anfrage der HNA erklärte die Behörde, das Verfahren gegen die Brüder sei am 7. Juni 2016 wegen unbekannten Aufenthalts vorläufig eingestellt worden.

Erfolglose Suche

Vor fünf Wochen machte sich Gerhard erneut auf den Weg – erstmals direkt in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien. Es habe Hinweise gegeben, dass seine Söhne in Kobane in Gefangenschaft geraten seien. Doch dort angekommen, verlief die Suche im örtlichen Gefängnis wieder ergebnislos. Auch auf Fotos von gefallenen europäischen IS-Kämpfern konnte Gerhard seine Söhne nicht identifizieren. Und so hofft er weiter, dass beide noch am Leben sind und sie eines Tages ihre eigene Geschichte im Buch ihres Vaters lesen können.

Joachim Gerhard mit Denise Linke: Ich hole euch zurück – Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Kindern, S. Fischer Verlag, 14,99 Euro.

Lesen Sie auch:

IS-Terroristen aus Kassel: Vater suchte Söhne in der Türkei

IS-Terroristen aus Kassel sind offenbar tot

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.