Für Menschen ohne Wohnadresse

Sozialarbeiter springen als Banker für Menschen ohne Konto ein

Kassel. Drei Mal pro Woche ist Zahltag in der Tagesaufenthaltsstätte Panama an der Kölnischen Straße: Für rund 120 Obdachlose und weitere Menschen in Not führen die Sozialarbeiter dort sogenannte Verwahrgeldkonten.

Davon profitieren Menschen, die nicht in der Lage sind, selbstständig ein Konto zu führen oder bei den Banken bislang keines bekommen haben - einfach weil sie keine Wohnadresse besitzen. Hier springt der Panama-Trägerverein Soziale Hilfe Kassel ein, und das funktioniert so: Die Klienten können sich ihre Sozialhilfe auf ein Konto des Vereins überweisen lassen. Damit richten die Panama-Mitarbeiter interne Treuhandkonten ein, aus denen sich die Inhaber Geld auszahlen lassen können. Wenn jemand Schulden zu tilgen hat oder in einer Mietwohnung sesshaft werden will, bringen die Sozialarbeiter vom verwahrten Geld Überweisungen oder Daueraufträge auf den Weg. Dadurch kann regelmäßig auch vermieden werden, dass Klienten wegen Schulden in Haft genommen werden und dadurch weiter abrutschen.

Amrei Tripp

Diese Hilfsleistung sei „viel mehr als bloße Geldverwaltung“, sagt Panama-Mitarbeiterin Amrei Tripp: In ein geordnetes Leben zurückfinden könne nur, wer Zugriff auf jene finanziellen Handlungsmöglichkeiten habe, die allgemein als selbstverständlich gelten.

Seit dem 19. Juni hat jeder in Deutschland das gesetzlich verbriefte Recht auf ein eigenes Konto. Damit dürfen Geldinstitute unliebsamen Kunden nicht mehr ohne weiteres eine Kontoeröffnung verweigern. Sozialarbeiterin Tripp findet das „eine tolle Sache“. Für die meisten Panama-Klienten werde wohl weiterhin das Verwahrgeldkonto die bessere Lösung bleiben. Aber für 10 bis 20 Prozent der Nutzer sei die Neuregelung ein Gewinn.

Nach ihren Angaben gibt es außerdem rund 100 regelmäßige Panama-Besucher ohne festen Wohnsitz, die die Postadresse des Tagestreffs nutzen, um sich dorthin ihre Sozialbezüge in Form eines monatlichen Schecks schicken zu lassen. Tripp: „Die lösen den Scheck dann ein und tragen das Geld mit sich herum“ - mit allen Risiken, die schmale finanzielle Lebensgrundlage aus allerlei Gründen zu verlieren.

Auch für diese Menschen sei der Rechtsanspruch auf ein eigenes Konto hilfreich, sagt die Sozialarbeiterin. Und selbst jene mehrere Dutzend Nichtsesshafte, die sich täglich bei den Kasseler Sozialbehörden ihren Tagessatz von 13,20 Euro auszahlen lassen, kämen nicht völlig ohne finanzielle Planung aus: „Auch auf einen neuen Schlafsack muss man manchmal sparen.“

Zum neuen Anrecht auf ein Basiskonto sagt die Panama-Mitarbeiterin: „Wir werden unsere Klienten darauf hinweisen und ihnen auch helfen, ihr Recht durchzusetzen."

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Rubriklistenbild: © dpa

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