Niedersachsen fordert Verlegung

Sperrung der ICE-Strecke Kassel-Hannover: Noch keine Pläne für Umleitung

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Knotenpunkt der Sperrung: Die ICE-Halte in Kassel und Göttingen sind Knotenpunkte der Sperrung von Ende April bis Anfang Mai. Täglich müssen dann 170 Züge umgeleitet werden.

Kassel/Göttingen. Auf der wichtigen ICE-Strecke zwischen Hannover und Kassel müssen vom 23. April an wegen Bauarbeiten täglich 170 Züge umgeleitet werden.

Zehntausende Fahrgäste sind betroffen. Wo genau die Umleitung herführen wird, konnte aber ein Bahnsprecher am Freitag noch nicht sagen. Genaues werde man wahrscheinlich frühestens in einer Woche wissen, hieß es auf HNA-Anfrage.

Die Auswirkungen für die Kunden sollten so gering wie möglich gehalten werden, betonte die Bahn. Es wird jedoch einzelne Ausfälle und um bis zu eine Stunde längere Fahrtzeiten geben. Auch der Nahverkehr und Güterzüge sind betroffen. Im Fernverkehr sollen aber während der zweiwöchigen Sperrung über 90 Prozent der Züge fahren.

Bis zum 8. Mai soll die Schnellfahrstrecke komplett gesperrt werden, auf mehreren Abschnitten muss der Schotter erneuert werden. Das Ausmaß der Probleme sei Anfang Februar noch nicht bekannt gewesen, als die Bahn das Bauprogramm für dieses Jahr vorstellte.

Bei einer Sperrung der Neubaustrecke zwischen Kassel, Göttingen und Hannover müssen die Züge über eine andere Strecke fahren. Dazu muss der Zug von der Neubaustrecke auf die alte Strecke übergeleitet werden.

Verschiebung

Niedersachsen setzt sich für eine Verschiebung der Sperrung ein. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) kündigte an, dazu mit Bahnchef Rüdiger Grube zu telefonieren. Betroffen von den Umleitungen wären auch Besucher der weltgrößten Industrieschau Hannover Messe, die vom 24. bis zum 29. April stattfindet.

Ein Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums nannte den Zeitpunkt der Sperrung „mehr als unglücklich“. Die Deutsche Messe wies auf enormen Unmut unter den Ausstellern hin. Bei der Hannover Messe reisen viele ausländische Besucher und Aussteller über das Luftverkehrs-Drehkreuz Frankfurt am Main und nehmen dort den Zug. Auch die Händel-Festspiele in Göttingen vom 5. bis 13. Mai fürchten, zahlreiche Gäste zu verlieren.

Auch die Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Nordhessen, Anna Homm, betonte: „Die Sperrung ist für uns eine Katastrophe.“ Zahlreiche Besucher und Aussteller würden die ICE-Verbindung nach Hannover nutzen und in Kassel übernachten.

Betroffene Fernverkehr-Strecken:

Folgende Linien werden betroffen sein:

• ICE 11 (Berlin - Kassel - Frankfurt - Stuttgart - München)

• ICE 12 (Berlin - Kassel - Frankfurt - Karlsruhe - Schweiz)

• ICE 20/22 (Hamburg - Hannover - Kassel - Frankfurt - Karlsruhe - Schweiz/Stuttgart

• ICE 25 (Hamburg/Bremen - Hannover - Würzburg - Nürnberg/Augsburg - München)

• IC-Linie 26 (Hamburg - Hannover - Kassel - Gießen - Frankfurt - Karlsruhe)

Es kommt zu Fahrzeitverlängerungen bis zu 60 Minuten sowie zu Haltausfällen, Umleitungen und vereinzelten Zugausfällen.

Hintergrund: Planung bereits in den 60er Jahren

Der Abschnitt Hannover-Kassel (144 Kilometer) ist Teil der 327 Kilometer langen Neubaustrecke zwischen der niedersächsischen Landeshauptstadt und Würzburg, die Juni 1991 komplett eröffnet wurde. Die Planungen begannen bereits Ende der 1960er-Jahre.

Es gibt auf der Strecke 61 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 121 Kilometern. Zweitlängster Tunnel ist der Mündener Tunnel (10 525 Meter). Die maximal zulässige Höchstgeschwindigkeit liegt bei 280 km/h. Offiziell begonnen wurde mit dem Bau der 6,5 Milliarden Euro teuren Strecke im August 1973 mit einem ersten symbolischen Rammschlag in Laatzen bei Hannover. Ein zwölf Kilometer langer Abschnitt südlich von Hannover wurde 1979 fertig. Die gesamte Strecke bis Würzburg sollte eigentlich bis 1985 fertig sein, doch es kam zu Verzögerungen bei der Planung. Erst im Oktober 1986 gab es für die gesamte Strecke Baurecht.

Ein weiterer Abschnitt bei Burgsinn wurde 1986 fertig, zwei Jahre später folgten dann die Abschnitte Fulda-Würzburg (94 Kilometer) und Edesheim-Nörten-Hardenberg (13 Kilometer). 1990 war der 13 Kilometer lange Abschnitt Nörten-Hardenberg-Göttingen fertig.

1991 verkürzte sich die Fahrzeit zwischen Hannover und Würzburg von mehr als drei Stunden auf etwa zwei Stunden. Im Abschnitt zwischen Göttingen und Kassel fahren täglich mehr als 160 Fernzüge. Durch die Umleitung über die alte Strecke verlängern sich die Fahrzeiten deutlich.

Normalerweise braucht der ICE knapp 20 Minuten für die 45 Kilometer lange Fahrt zwischen Kassel und Göttingen. Wenn die Züge über Hann. Münden, Witzenhausen-Nord und Eichenberg fahren müssen, so brauchen sie etwa 50 Minuten für die 58 Kilometer lange Strecke, also 30 Minuten mehr.

Die Strecke zwischen Göttingen und Hannover schafft ein ICE über die Neubaustrecke in 35 Minuten. Wenn er über Kreiensen, Alfeld und Nordstemmen umgeleitet wird, so wird daraus eine gute Stunde Fahrzeit.

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