Die Sprache ist ein Verräter: Interview mit Kasseler Germanist

Kassel. Der Kasseler Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gardt ist seit Kurzem Präsident der renommierten Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Wir sprachen mit ihm über die deutsche Sprache und wie sie die Identität der Deutschen prägt.

Was verrät die Sprache über ihre Sprecher?

Prof. Dr. Gardt: Ich bin verlockt zu sagen: fast alles. Wir brauchen nur ein paar Worte zu sagen, vielleicht nur nach dem Weg zu fragen, schon zieht unser Gegenüber Rückschlüsse. Wortwahl, Grammatik und Aussprache verraten viel über die geografische und soziale Herkunft. Und am Tonfall lässt sich erkennen, ob jemand aggressiv, verliebt oder desinteressiert ist. Genauso wie über das Aussehen erzeugen wir über die Sprache einen bestimmten ersten Eindruck. Wer beispielsweise Dialekt spricht, wird manchmal für weniger gebildet gehalten.

Sprache dient vor allem der Kommunikation. Was hat sie mit unserer Identität zu tun?

Gardt: Sie hat über Jahrhunderte hinweg eine herausragende Rolle bei der Identitätsbildung der Deutschen gespielt. Deutschland war bis ins 19. Jahrhundert zersplittert in viele Kleinstaaten. Die deutsche Sprache und Literatur waren damals das verbindende Element. Der Sprache kam damit eine ganz andere Bedeutung zu als etwa in Frankreich oder England. Vor diesem Hintergrund ist auch die Arbeit der Brüder Grimm zu sehen, die Märchen und Sagen sammelten und ein Deutsches Wörterbuch und eine Grammatik erstellten.

Und wie wirkte sich das Deutsche konkret auf die Identität aus?

Gardt: Der Sprache wurden Eigenschaften zugesprochen, die auch auf die Sprecher übertragen wurden: Das Deutsche galt als klar, markant und unverstellt. Gegen das Französische, das als dekadent und manieriert angesehen wurde, grenzte man sich ab. Damals gab es schon wie heute die Debatte um Fremdwörter, die zum vermeintlichen Sprachverfall beitrügen. Dieser Sprachnationalismus endete in Deutschland abrupt 1945. Bis dahin war die Sprache entscheidend für die Konstruktion der Identität.

Heute gibt es die Diskussion um Anglizismen im Deutschen. Wie beurteilen Sie als Sprachwissenschaftler das?

Gardt: Dabei geht es um die Frage, welchen Einfluss das Englische auf die Struktur des Deutschen hat. In der Grammatik ist kein Einfluss erkennbar. Bei der Verwendung des Apostrophs - oft sieht man ja falsche Schreibweisen wie Elke’s Backstube - ist eine gewisse Verunsicherung eingetreten. Ein nennenswerter Einfluss ist aber nur beim Wortschatz nachweisbar. Selbst bei großzügiger Zählung kommt man dabei auf höchstens 3,5 Prozent Anglizismen im deutschen Wortschatz.

Dafür sind Wörter wie „Smartphone“ oder „Event“ aber allgegenwärtig.

Gardt: Oftmals handelt es sich um Begriffe aus dem technischen Bereich, die es bisher im Deutschen eben nicht gab. Auch das Wort „Event“ beschreibt ein Ereignis, das wir noch nicht so lange kennen: einen spektakulären Großauftritt. Es ist ja nicht so, dass die Wörter nachts heimlich kommen. Der Einzug von Anglizismen hat auch damit zu tun, dass die angelsächsische Lebensart heute sehr präsent ist. Dabei geht es eher um ein gesellschaftliches Phänomen, kein sprachwissenschaftliches. Denn das System der deutschen Sprache ist durch Anglizismen nicht gefährdet.

Warum dann die mitunter große Aufregung?

Gardt: Aufregung gibt es nur um die neueren Begriffe wie „Event“ oder „City Center“. Über „Cowboy“, „Tennis“ und „Sport“ regt sich kein Mensch auf. Dabei sind das auch Anglizismen. Sie werden aber nicht mehr als solche wahrgenommen. Würden wir sämtliche englischen, französischen, lateinischen und griechischen Fremdwörter streichen, hätten wir Schwierigkeiten, uns auszudrücken. Die Debatte, die sich ja seit Jahrhunderten in ähnlicher Form wiederholt, zeigt, dass Sprache sich permanent verändert. Und dass sie kein rein rationaler Gegenstand ist. Es geht auch um Emotionen.

Stichwort E-Mail, SMS und Whatsapp: Wie verändert die digitale Kommunikation unsere Sprache?

Gardt: Generell kann man beobachten, dass im Bereich der digitalen Kommunikation die Grenze zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit verschwimmt. Was früher besprochen oder förmlich verschriftlicht wurde, verlagert sich heute oft auf E-Mails und Kurznachrichten. Die Sprache ist dabei häufig konzeptionell mündlich, wird aber schriftlich vermittelt. Daher wird auf Rechtschreibung, etwa Groß- und Kleinschreibung, nicht so genau geachtet. Ein Problem ist aber nicht nur ein möglicher Sprachwandel, sondern nach meinem Eindruck eher die Zerstückelung der Aufmerksamkeitsspannen. Die Kommunikation wird immer schneller, immer kürzer.

Wie halten Sie es da persönlich?

Gardt: Ich diktiere Kurznachrichten manchmal per Spracherkennung. Da korrigiere ich die Fehler nicht. Aber ich habe mein Handy so eingestellt, dass ich keine E-Mails darauf versenden kann. Allerdings nicht wegen möglicher Tippfehler, sondern damit ich nicht versucht bin, meine Arbeit in kleine Häppchen zu zerteilen und von unterwegs zu erledigen.

Zur Person

Andreas Gardt (61) ist seit 15 Jahren Professor am Institut für Germanistik der Universität Kassel. Im April ist er zum Präsidenten der renommierten Akademie der Wissenschaften in Göttingen gewählt worden. Dabei handelt es sich um ein Ehrenamt. Gardt stammt gebürtig aus Mainz. Er hat in Mainz, Heidelberg, Cambridge Germanistik und Anglistik studiert sowie an der Universität East Anglia vergleichende Literaturwissenschaft. Er promovierte in Heidelberg zunächst in anglistischer Literaturwissenschaft und habilitierte sich dann in germanistischer Sprachwissenschaft. Anschließend war er als Dozent in Heidelberg, Freiburg und Osnabrück tätig. 2001 erhielt er den Ruf nach Kassel, wo er die Professur für Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte übernahm. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. (rud)

Stichwort: Akademie der Wissenschaften

Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen wurde 1751 gegründet und ist eine bis heute renommierte Gelehrtengesellschaft und außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Ihr gehören rund 400 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus aller Welt an. Die Akademie betreut unter anderem über 25 wissenschaftliche Langzeitprojekte. Frühere berühmte Mitglieder waren Jacob und Wilhelm Grimm, der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg. www.adw-goe.de

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