Schlachthof und Frauentreff Brückenhof erhalten EU-Geld

Stadt Kassel ist Hochburg für Bulgaren: Hier finden bulgarische Roma Hilfe

Machen Angebote für Migranten: Anne Nagel, Ulla Wegener und Christine Knüppel (von links) vom Kulturzentrum Schlachthof. Foto:  Hein

Kassel. In Kassel kümmert sich künftig das Kulturzentrum Schlachthof verstärkt um zugewanderte Bulgaren und andere Migranten aus Osteuropa.

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Bereits seit 1978 engagiert sich die gemeinnützige Gesellschaft in der Integrationsarbeit von Zuwanderern. Ab dem 1. Januar sind der Schlachthof mit Sitz in der Nordstadt und der Frauentreff Brückenhof in Oberzwehren in das Programm des „Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (Ehap)“ für Deutschland aufgenommen worden.

Zwei Experten

Für 36 Monate hat die EU für die Kasseler Einrichtungen 377.700 Euro bewilligt. Vom Bund kommen 44.400 Euro, fünf Prozent der geförderten Summe steuern die Projektträger selbst bei. Auch der Verein „Frauen informieren Frauen“ bekommt für seine aufsuchende Sozialarbeit bei bulgarischen Prostituierten Geld aus dem EU-Topf.

Mit insgesamt 92,8 Millionen Euro werden in ganz Deutschland Projekte gefördert. Sie sollen die soziale Integration verbessern und Armut reduzieren. Insbesondere sollen Roma-Kinder frühzeitig ins deutsche Bildungssystem gebracht werden. Das Projekt informiert Bulgaren über die deutsche Kultur, Zugänge zu Kindergeld, Anmeldung für die Kita, Zugang zu Jobcenter und Ähnliches. Sozialpädagogen sollen den Kontakt zu den Roma suchen, da für diese Menschen die Hürden zur Integration in die deutsche Gesellschaft besonders hoch seien, sagt Anne Nagel, Schlachthof-Projektleiterin im Bereich interkulturelle Arbeit.

Im Schlachthof gehen hierfür zwei muttersprachliche Experten an den Start: eine Psychologin und ein Kollege mit einem juristischen Hintergrund. Schlachthof-Chefin Christine Knüppel sagt: „Wir wollen die Basis legen, um die Bulgaren in Kassel in die Hilfesysteme überführen zu können.“ Das Problem sei häufig, dass skrupellose Bauernfänger in Roma-Kreisen unterwegs sind, die sich Dienste wie das Ausfüllen von Formularen teuer bezahlen lassen. Überhaupt würden Roma aus Unwissenheit und Uninformiertheit finanziell häufig ausgenutzt, sei es um überteuerte Wohnungsmieten zu zahlen oder zu Dumpinglöhnen zu arbeiten, etwa in der Gastronomie. Knüppel: „Da schauen wir in Abgründe.“

Das EU-Programm sei seit Jahren angekündigt, sagt Schlachthof-Projektleiterin Ulla Wegener: „Jetzt können wir endlich eine Ergänzung zu unserer Migrantenarbeit anbieten. Bisher fehlten die Ressourcen.“

An Interesse vonseiten der Roma mangele es nicht. „Das spricht sich über Mund-zu-Mund-Propaganda ganz schnell rum“, ist Knüppel zuversichtlich: „Wir bieten Hilfe, aber sie müssen auch lernen, dass es kein Rundum-sorglos-Paket gibt.“

Ulla Wegener: "Seit Jahren Diskriminierung"

„Bei den Roma aus Bulgarien haben wir an vielen Stellen eine ganz andere Problematik als bei den Kriegsflüchtlingen“, sagt Ulla Wegener vom Kulturzentrum Schlachthof. Die meisten Roma erlebten seit inzwischen sieben, acht Generation große soziale Diskriminierung. Nicht Entwurzelung sei ihr Problem, sondern die fehlende soziale Inklusion und gesellschaftliche Benachteiligung, unter der sie leiden. Verbunden damit ist für sie in Bulgarien große Armut. „Weil ihnen in ihren Herkunftsländern ein Schulbesuch häufig verwehrt ist, haben Roma traditionell meistens keine Bildungsaffinität. Bildung stellt für sie keinen Wert dar.“ Zu vielen Berufen und Tätigkeiten haben sie keinen Zugang, damit einher gehe der Mangel einer Beziehung zu Eigentum.

Hintergrund: EU-Programm zur Eingliederung

Das Programm des „Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen“ (Ehap) war als Nachfolge des Nahrungsmittelfonds geplant und sollte für die Verteilung von Nahrung und Konsumgütern für bedürftige Menschen in EU-Mitgliedstaaten sorgen. Einige Mitgliedstaaten intervenierten aber und deshalb umfasst Ehap jetzt auch Maßnahmen zur sozialen Eingliederung. Gegenstand der Förderung sind die Beratung und Vermittlung von besonders benachteiligten EU-Zugewanderten zu Beratungs- und Unterstützungsleistungen. Eltern sollen angesprochen werden, um sie dazu zu bringen, dass sie für ihre Kinder früh Bildungsangebote wahrnehmen. Ziel ist die soziale Inklusion.

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