"Viele sind nur aus reiner Trägheit nicht ausgetreten"

Missionare des Atheismus: Stiftung übernimmt Gebühr für Kirchenaustritt

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Mitglieder sollen zum Kirchenaustritt bewogen werden: Die Giordano Bruno Stiftung will deshalb die Austrittsgebühr von 25 Euro übernehmen.

Kassel. Sie werben für die Gottlosigkeit und wollen nun zunächst für zehn Kirchenmitglieder deren Austrittsgebühr übernehmen: Die Kasseler Ortsgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung.

Am morgigen Samstag präsentiert sie sich ab 11 Uhr an einem Infostand auf dem Friedrichsplatz. Der Zusammenschluss von Atheisten, Religionskritikern und Naturalisten glaubt, dass viele Menschen aus reiner Faulheit der Kirche nicht den Rücken kehren.

Ein wirtschaftlicher Anreiz sei die Übernahme der 25 Euro Verwaltungsgebühr für den Austritt nicht, gibt Christian Hachmann von der Giordano-Bruno-Stiftung aus Kassel zu. Mit der Aktion wollten er und seine Mitstreiter dennoch Menschen dazu ermuntern, den Schritt zu gehen. „Viele sind seit ihrer Geburt in der Kirche und vermutlich nur aus reiner Trägheit nicht ausgetreten“, sagt Hachmann.

Zwar verlören die Kirchen auch ohne das Zutun der Stiftung Mitglieder, aber der Prozess könne beschleunigt werden. Besonders die Taufen seien kritisch zu werten. „Eltern würden für ihr Kind auch niemals eine Parteimitgliedschaft abschließen, bevor es sich dazu äußern kann“, sagt Hachmann. Seine Stiftung – die Evolution und Schöpfungsglauben für unvereinbar hält – könne eine Ersatzgemeinde für die Ungläubigen sein.

Kirchen: Fragwürdige Aktion

Petra Schwermann

Der Vorstoß der Religionskritiker stößt bei den Kirchen auf Unverständnis. Pfarrerin Petra Schwermann, Pressesprecherin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, sagt, sie bedauere es, wenn Menschen sich nach reiflicher Überlegung zu einem Austritt aus der Kirche entscheiden. „Die finanziellen Anreize der Giordano-Bruno-Stiftung zu einem spontanen und möglicherweise unüberlegten Austritt halten wir für fragwürdig. Es ist uns ein Anliegen, um jedes Mitglied unserer Kirche zu werben und zu zeigen, was es bedeutet, Teil der christlichen Gemeinschaft zu sein“, sagt sie.

Dazu gehöre die Möglichkeit Kinder taufen zu lassen, sich kirchlich trauen zu lassen sowie die diakonischen Dienstleistungen zu nutzen und zu unterstützen. Kirche sei ein wichtiger sozialer Dienstleister und Kulturträger, der unter anderem aus Kirchensteuermitteln finanziert werde und allen zu Gute komme.

Martin Schöppe

Bei der katholischen Kirche fällt die Reaktion ähnlich aus: Pfarrer Martin Schöppe, stellvertretender Dechant des Dekanats Kassel-Hofgeismar, hält die Motive der Stiftung für durchschaubar. „Es wird versucht, Glauben als etwas Unvernünftiges darzustellen. Ich glaube, dass unsere Art des Glaubens und der Religion sehr vernünftig ist und wir viel anzubieten haben für die Menschen – auch für ihr privates Leben.“

Schöppe sieht bei der Stiftung zudem eine Art der Missionierung am Werk, die die Kirche längst überwunden habe. „Wir versuchen durch Kontakte im Alltag zu überzeugen und nicht indem wir sagen, das Unglauben falsch ist.“

Die Stiftung:

Die Giordano-Bruno-Stiftung wurde 2004 vom Unternehmer Herbert Steffen gegründet. Nach eigener Aussage hat sie eine naturalistische, weltlich-humanistische und religionskritische Ausrichtung. Sie ist nach dem aus dem Orden der Dominikaner ausgestoßenen und 1600 als „Ketzer“ verbrannten Giordano Bruno benannt. Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera sitzt im Stiftungsbeirat.

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