Stolperstein-Aktion machte es möglich

Stolperstein-Aktion fördert Abschiedsbrief von NS-Opfer zutage

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Beliebter Kinderarzt: Dr. Felix Blumenfeld im Kinderkrankenhaus Park Schönfeld bei der Untersuchung eines Säuglings. 1933 verboten ihm die Nazis, seinen Beruf auszuüben.

Kassel. Jochen Boczkowski vom Verein „Stolpersteine in Kassel“ hält eine kleine Sensation in den Händen: den bisher öffentlich nicht bekannten Abschiedsbrief des berühmten Kasseler Kinderarztes Dr. Felix Blumenfeld.

Die Nazis hatten Blumenfeld nach Schikanen, Enteignung und dem Verbot, seinen Beruf auszuüben, 1942 in den Freitod getrieben. Er war 69 Jahre alt und schreibt: „Der Tod erscheint mir unter diesen Umständen begehrenswerter als ein Dasein mit immer neuen Qualen. Ich gehe deshalb aus dieser Welt der Gemeinheit, Niedertracht und Unmenschlichkeit, um einzuziehen in den ewigen Frieden, und den Pfad suchend, der aus dem Dunkel zum Licht führt.“

Den gesamten Brief im Wortlaut finden Sie hier als pdf-Dokument.

In dem tief bewegenden Brief hat Felix Blumenfeld klug und wohl durchdacht seine Gedanken und Beweggründe formuliert. Er beschreibt die Peinigungen und Erniedrigungen, denen er ausgesetzt war. Und er richtet sich in zärtlichen Worten an seine Familie. Noch bis vor kurzem war der Brief unter Verschluss in den USA bei den Enkeln Blumenfelds. Weil ihn Felix Blumenfeld in der Sütterlin-Schrift verfasst hatte, konnte ihn zudem in den USA niemand lesen. Er war sicher verwahrt und mit einem Zettel versehen, auf dem stand: „Vaters Abschiedsbrief. Nie vergessen! Und auf Englisch ist hinzugefügt: Opfer der Nazi-Verfolgung“

Mehr zu Felix Blumenfeld lesen sie im Regiowiki.

Erst jetzt, im Zuge der aktuellen Aktivitäten um die Verlegung eines Stolpersteins für Felix Blumenfeld, bei denen Kontakte zu den in den USA lebenden Nachfahren geknüpft wurden, wurde der Brief von Jochen Boczkowski und dem Historiker Hans-Peter Klein übersetzt. Mit dem Brief und seiner historischen Bewertung wurden einer Dokumentation des Kapitels Nationalsozialismus in Kassel ein weiteres Puzzleteilchen hinzugefügt.

Jochen Boczkowski

„Wer weiß, wie lange dieser Krieg dauert, und was bis dahin für die Juden in Deutschland passiert, ist kaum auszudenken“, schreibt Blumenfeld wenige Tage vor seinem Suizid am 25. Januar 1942: „Man wird vor keinem Mittel der Vernichtung zurückschrecken. Da ist es hoffentlich auch im Sinne meiner Söhne ehrbarer und charaktervoller von der Bildfläche zu verschwinden, und lieber freiwillig als ein Toter das Haus zu verlassen, als von den Schergen der Gestapo hinausgejagt zu werden.“

Die zweite Frau des verwitweten Blumenfeld, Leni, eine Nicht-Jüdin, wurde unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen. Blumenfeld schreibt: „Und dann die Scheidung, auf der die Gestapo besteht (...) Ich muß dann sofort aus dem Haus und irgendwo Unterschlupf suchen. Sagt jetzt, ist das für mich tragbar ? Unsere Ehe galt auch immer in Euern Augen als eine harmonische, schöne und geheiligte. (...) Keine Scheidung, sondern nur der Tod soll der Gemeinschaft ein Ziel setzen.“

Von Christina Hein

Am Samstag, 2. November, 17 Uhr, wird Gunter Demnig in Bad Wilhelmshöhe, Hugo-Preuß-Straße 35, einen Stolperstein für Felix Blumenfeld verlegen. Insgesamt werden an dem Wochenende 19 Stolpersteine verlegt. Wir stellen die Schicksale der zu Gedenkenden nach und nach vor.

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