Studentin aus Kassel zieht Lämmchen Mila in WG auf

Kassel. Mila trägt eine Windel, schläft im Bett und folgt ihrer menschlichen Mama auf Tritt und Schritt. Studentin Valerie Kampe zieht das Lämmchen in der WG im Vorderen Westen auf.

Wenn eine Schnapsidee zur Realität wird, dann geht das in den seltensten Fällen gut. Manchmal aber entwickelt sie sich auch zu einem Märchen. Valerie Kampes Märchen heißt Mila und stakst auf langen Beinchen durch die WG-Wohnung im Vorderen Westen. Es ist kein Hund und auch keine Katze, sondern ein weiches, wolliges, gut vier Wochen altes Lämmchen. Mila trägt eine Windel, schläft im Bett und folgt ihrer menschlichen Mama auf Tritt und Schritt.

Ausflug durch den Vorderen Westen: Studentin Valerie Kampe geht mit Lamm Mila an der Goethestraße spazieren.

Die Idee, ein Lamm aufzunehmen, sei bei einer Feier nach einem Studentenreitturnier entstanden, erzählt Valerie Kampe. „Wenn du mal ein Lamm hast, das per Hand aufgezogen werden muss, sag mir Bescheid“, habe sie einem anwesenden Schäfer gesagt - aus einer Schnapslaune heraus. Der nahm den Vorschlag ernst und kurz darauf klingelte das Telefon der Studentin. Am 8. Januar waren Zwillingslämmer geboren worden, das weibliche Lamm würde es wohl nicht schaffen, wenn es bei der Mutter bliebe.

Mila, eine Mischung aus Merino und Dorber-Schaf, war mit 800 Gramm viel zu klein zur Welt gekommen. Babyfläschchen, Pampers und Lämmerstartermilch waren schnell besorgt. Dann begann das Abenteuer. Valerie Kampe holte das Lämmchen aus der Nähe von Gießen in ihre WG an der Goethestraße. Ihre Mitbewohner stören sich nicht an dem tierischen Dauergast - und auch nicht der Vermieter, denn der ist der Vater der 20-Jährigen.

Die Psychologiestudentin merkte schnell, wie anstrengend es ist, ein Lämmchen aufzuziehen. Alle eineinhalb Stunden verlangte Mila nach dem Fläschchen.

Viel Aufmerksamkeit

Dazu war sie von Anfang an lebhaft und verlangte nach viel Liebe und Aufmerksamkeit. „Wenn ich auf dem Bett liege und lerne, kommt sie zu mir und kuschelt sich an mich“, verrät Valerie Kampe. Die erste Zeit schlief das Lamm sogar bei ihr im Bett, seit Neuestem hat sie einen Stall auf dem Balkon, in dem Heu und Stroh zum Knabbern sind und in dem Mila nachts schläft. „Sie muss sich ja daran gewöhnen, draußen zu sein, denn sie kann nicht immer hierbleiben.“

Die Kasselerin nimmt ihren kleinen Zögling überall mit hin. Mila reiste schon mit nach Hamburg, übernachtete in einem Fünf-Sterne-Hotel in Bremen, erfreute die Kinder im Kinderschutzhaus und begleitete ihre Ziehmutter zu einem Reitturnier nach Paderborn. Zudem ist sie jeden Tag mit im Reitstall, hopst dort herum und erkundet neugierig die Umwelt, während Valerie Kampe ihre Pferde versorgt. Das Lämmchen hat in den vergangenen vier Wochen sein Anfangsgewicht verzehnfacht und trinkt nun nur noch alle vier Stunden einen Liter Lämmerstarter.

Noch sechs bis acht Wochen braucht Mila die Ergänzungsmilch und wird so lange bei ihrer menschlichen Mama in Kassel wohnen. Dann heißt es für beide Abschied nehmen. Mehrere Optionen, wo die kleine Schafdame ein schönes Leben verbringen wird, hat Valerie Kampe bereits. Entschieden hat sie sich noch nicht. Eines aber ist für die 20-Jährige sicher: „Mila wird niemals im Kochtopf landen.

Von Susanne Schulleri-Seidenfaden

Das sagt die Tierärztin

„Dass Lämmchen, die bei der Mutter aus verschiedenen Gründen keine Überlebenschance hätten, von Hand aufgezogen und dazu aus der Herde genommen werden, ist ganz normal“, sagt Tierärztin Katharina Kaschurin von der Kasseler Tierarztpraxis Dr. Kisters. Wichtig sei, dass das Tier alle zwei Stunden Milch bekomme und genug Wärme habe. Eine Intensivbetreuung sei auf jeden Fall nötig, egal, ob sie im Käfig oder in einer Wohnung stattfindet. „Letzteres ist für das Tier wegen der Zuwendung sogar besser“, sagt die Tierärztin. Da das Lamm im vorliegenden Fall täglich lange Zeit mit seiner Ziehmutter im Reitstall verbringe und sich nun langsam auch an die Übernachtung draußen gewöhnen werde, sei die Aufzucht des Lamms optimal. (phe)

Rubriklistenbild: © Fotos: Schulleri-Seidenfaden

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