Sturm-18-Prozess gegen Bernd T.

Gericht trägt langes Strafregister vor: Neonazi grinst über seine Taten

In Freiheit hielt sich Bernd T. gern auch auf dem Friedrichsplatz, einem Treffpunkt der Trinkerszene, auf: Das Foto des Kasseler Neonazis wurde im Jahr 2011 aufgenommen. Archivfoto:  Feldmann

Kassel. Es ging um Körperverletzung mit Todesfolge, Nötigung, Sachbeschädigung, Bedrohung, Verstoß gegen das Waffengesetz und fahrlässige Trunkenheit im Verkehr. Alles Dinge, die Bernd T. begangen hat. Und über die er vor Gericht grinst, als sie vorgetragen werden.

Die zwei Richter und zwei Schöffinnen der Fünften Strafkammer, die Protokollführerin, die Staatsanwältin, der Sachverständige, die vier Wachtmeister, die sechs Verteidiger und die fünf Mitangeklagten mussten sich am Freitag über eine Stunde lang das üppige Vorstrafenregister des Kasseler Neonazis Bernd T. anhören, das der Vorsitzende Richter Jürgen Stanoschek vortrug.

Besonders peinlich schien es dem 41-jährigen Angeklagten nicht zu sein, dass vor 22 Menschen, die zwingend der Verhandlung folgen müssen, und darüber hinaus dem Publikum seine ganzen Straftaten (24 Eintragungen seit 1990) präsentiert wurden. Im Gegenteil. Bernd T. konnte sich mehrfach ein Grinsen nicht verkneifen, als Stanoschek vorlas, wie er seine Opfer gedemütigt hat: Ob er sie nun zum Beispiel durch Sprüche beleidigte und bedrohte oder ihre Brillen mit Spucke verschmierte.

„Naiv und einfältig“

Stanoschek las aus den Akten auch vor, dass T. sich gern mit „naiven und einfältigen Menschen“ umgeben und diese als Komplizen auch vorgeschickt habe. Noch immer scheint der Gründer des mittlerweile verbotenen Vereins „Sturm 18“ zumindest von sehr treuen Anhängern umgeben zu sein.

Das wurde in der aktuellen Verhandlung vor der Fünften Strafkammer vor allem am Verhalten der 37-jährigen Mitangeklagten deutlich. Sie lächelte Bernd T. am Freitag wiederholt zu, als es um seine Vorbelastungen ging. Und das, obwohl sie erst vor einem Jahr zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war, nachdem der Sturm-18-Chef sie beauftragt hatte, ein junges Mädchen mehrfach ins Gesicht zu schlagen. Und sie war von T. vor all zu gar nicht langer Zeit selbst gedemütigt worde: Als Bestrafunghatte T. die Frau an einer Hundeleine ausgeführt.

Abgesehen von nur einem der fünf Mitangeklagten . einem 29-Jährigen, der offenbar kein Mitglied bei Sturm 18 war -, haben alle anderen sich zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft nicht geäußert. Die Mitangeklagten, die auf Befehl von T. zwei Männer im vergangenen Jahr in unterschiedlicher Weise körperlich misshandelt haben sollen, schützen mit ihrem Schweigen in erster Linie ihren Anführer.

Der Neonazi hat in den vergangenen Jahren bewusst in der Kasseler Trinkerszene nach neuen Mitgliedern für seinen rechtsextremen Verein gesucht. Nach Menschen, die nicht gegen ihn aufmucken und durch seine Gruppierung ihr Selbstwertgefühl steigern wollen, um auch mal auf der Seite der vermeintlich Stärkeren zu stehen.

Wie das Prinzip - „Nach unten treten“ der rechtsextremen Gruppierung „Sturm 18“ funktioniert, wurde am Freitag bei der Aussage einer 47-jährigen Zeugin deutlich. Die Frau hatte aufgrund ihrer Intelligenz und ihres geringen Auffassungsvermögens große Schwierigkeiten, den Fragen des Gerichts zu folgen, und konnte auch nichts Erhellendes für das Verfahren beisteuern.

Die Angeklagten quittierten das unbedarfte Verhalten der Frau mit Lachen. Und das mehrfach.

Der Prozess wird am Freitag, 20. Mai, 9 Uhr fortgesetzt. Dann sollen Staatsanwaltschaft und die Verteidiger plädieren. Das Urteil wird für den 30. Mai erwartet.


Hintergrund: Sechs Angeklagte

Wegen des Verdachts der mehrfachen gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, räuberischen Erpressung, Nötigung und Bedrohung muss sich der Kasseler Neonazi Bernd T. (41), Gründer von Sturm 18, vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten. Die Anklagebank teilen sich mit ihm drei Frauen im Alter von 37, 44 und 49 Jahren aus Kassel und zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren aus dem Schwalm-Eder-Kreis wegen des Verdachts der Beteiligung an den entsprechenden Taten. (use)

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