Fünfte Strafkammer des Landgerichts gibt rechtlichen Hinweis

Sturm 18-Prozess - Zweifel an Entführung

Kassel. Der Kasseler Neonazi Bernd T. und fünf weitere Angeklagte, die sich derzeit vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten müssen, werden wohl nicht mit einer Verurteilung wegen Freiheitsberaubung rechnen müssen.

Einen entsprechenden rechtlichen Hinweis gab der Vorsitzende Richter Jürgen Stanoschek in der Verhandlung am Montagnachmittag.

Aufgrund der bisherigen Beweisaufnahme habe die Fünfte Strafkammer große Zweifel daran, dass sich der Straftatbestand der Freiheitsberaubung bestätigen werde, so Stanoschek.

Laut Anklage haben T. und die Mitangeklagten einen 46-jährigen Mann im April vergangenen Jahres eine Woche lang in einer Wohnung in der Nordstadt gegen seinen Willen festgehalten und misshandelt. Als Strafe, weil er angeblich bei dem rechtsextremen Verein „Sturm 18“ aussteigen wollte.

Dass es um das Erinnerungsvermögen des 46-jährigen vermeintlichen Opfers nicht besonders gut bestellt ist, war bereits bei dessen mehrstündiger Aussage vor Gericht deutlich geworden. Der Mann hatte eingeräumt, dass er Alkoholiker ist und in seiner Gefangenschaft immer Bier bekommen habe. Zudem hatte er ausgesagt, dass er mehrfach die Gelegenheit gehabt habe, aus der Wohnung zu flüchten und von Bernd T. auch ein Handy bekommen habe. Weil er „Todesangst“ gehabt habe, sei er aber nicht geflüchtet, so der 46-Jährige.

Eine 52-jährige Frau und ein 53-jähriger Mann, die den 46-Jährigen während seiner Freiheitsberaubung in der Wohnung in der Nordstadt gesehen haben sollen, konnten sich am Montag im Zeugenstand daran nicht mehr erinnern.

„Ich bin Alkoholikerin“, sagte die 52-jährige Zeugin. Den 46-Jährigen kenne sie vom Friedrichsplatz, wo die Trinkerszene sich regelmäßig trifft. Sie habe öfter mitbekommen, dass der 46-Jährige „nicht ganz frisch ausgesehen“ habe, sagte die Frau. Aber nicht, weil er von Bernd T. und dessen Gefolgschaft, sondern von seiner Freundin und deren Zwillingsschwester geschlagen worden sei. „Die beiden Zwillingsschwestern haben ihn regelmäßig verwemst“, bestätigte der 53-jährige Zeuge.

Auch ein Ermittler des Staatsschutz-Kommissariats (ZK 10) sagte aus, dass er zunächst Zweifel an der Aussage des Opfers wegen der Freiheitsberaubung gehabt habe. „Das war ja kein klassischer Entführungsfall“, so der Ermittler. Der 46-Jährige habe dann aber bei seiner Vernehmung seine Zweifel ausräumen können.

Dirk Waldschmidt, der Verteidiger von Bernd T., warf den Ermittlern vor, zum Teil „oberflächlich gearbeitet“ zu arbeiten. Bei der ersten Vernehmung des vermeintlich 46-jährigen Opfers durch den Kriminaldauerdienst seien die polizeilichen Ermittlungen „gleich Null“ gewesen, so Waldschmidt. Weil es sich um Tatverdächtige aus der rechten Szene gehandelt habe, hätten sich die Ermittler wohl gedacht, da werde man schon irgendetwas finden. „Einfach drauf und fertig“, so Waldschmidt.

Hintergrund: Sechs Angeklagte

Wegen des Verdachts der mehrfachen gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, räuberischen Erpressung, Nötigung und Bedrohung muss sich der Kasseler Neonazi Bernd T. (41), Gründer von Sturm 18, vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten.

Die Anklagebank teilen sich mit ihm drei Frauen im Alter von 37, 44 und 49 Jahren aus Kassel und zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren aus dem Schwalm-Eder-Kreis wegen des Verdachts der Beteiligung an den entsprechenden Taten.

Rubriklistenbild: © dpa

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