46-jähriges Opfer hatte offenbar mehrfach Gelegenheit zur Flucht

Zeuge im Sturm-18-Verfahren: „Ich hatte Todesangst“

Auf der Anklagebank: Bernd T. (vorn) mit Verteidiger Dirk Waldschmidt. Zeichnung:  Reinckens

Kassel. „Ich habe niemals gedacht, dass so tief gegraben wird. Ich komme mir langsam so vor, als ob ich etwas ganz Schlimmes gemacht habe.“ Das sagte keiner der sechs Angeklagten, sondern der Hauptbelastungszeuge.

Und zwar nach einem mehrstündigen Vernehmungsmarathon am Freitagnachmittag vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts.

Der 46-jährige Mann behauptet, im April vor einem Jahr von mehreren Mitgliedern des mittlerweile verbotenen rechtsextremen Vereins „Sturm 18 Cassel“ eine Woche lang in einer Wohnung festgehalten und körperlich misshandelt worden zu sein.

Um das Erinnerungsvermögen des arbeitslosen Hauptbelastungszeugen, der sich selbst als Alkoholiker bezeichnet, scheint es allerdings nicht besonders gut bestellt zu sein. Der Vorsitzende Richter Jürgen Stanoschek musste ihm immer wieder vorhalten, was er bei der Polizei vor einem Jahr über die besagte Woche ausgesagt hat.

Der Mann schilderte, dass er am Mittwoch, 8. April 2015, mit zwei Frauen erst vor einem Markt in der Nordstadt und dann später in der Wohnung der einen Bekannten getrunken habe. Irgendwann seien die beiden Frauen, eine ist die 44-jährige Angeklagte, in Streit geraten und die eine habe die andere aus ihrer Wohnung werfen wollen.

Irgendwann kreuzte dann Bernd T. in der Wohnung auf. Im Schlepptau hatte er die weiteren Angeklagten, eine 37 Jahre alte Frau und einen 28-jährigen Mann. Die drei Sturm-18-Mitglieder hätten die Wohnungsinhaberin aufgefordert, in ihrem Verein Mitglied zu werden. Nachdem die sich darüber lustig gemacht habe, habe Bernd T. der 44-Jährigen befohlen, die Wohnungsbesitzerin zu schlagen. Irgendwann habe sich die Frau von ihrer Peinigerin befreien können und sei aus der Wohnung geflüchtet, sagte der Zeuge.

Er selbst sei gezwungen worden, das Sturm-18-Trio in die Wohnung der weiteren Angeklagten, einer 49 Jahre alten Frau, in der Fiedlerstraße zu begleiten. In dieser Wohnung sei er quasi eine Woche lang festgehalten worden, damit er nichts ausplaudere. Von dem 28-jährigen und dem 29-jährigen Angeklagten sei er geschlagen worden, schilderte der Zeuge. Dabei trug er Verletzungen am ganzen Körper davon, wie später bei einer Untersuchung im Klinikum herauskam.

Fest steht aber auch, dass der Zeuge mehrfach die Gelegenheit hatte, aus der Wohnung zu verschwinden. Er habe zum Beispiel einmal Tabak für die 49-jährige Angeklagte geholt, sagte der Mann. Er sei aber dann zurückgekehrt. Aus Angst, dass ihn T. und seine Gefolgschaft ansonsten finden würden. „Ich hatte Todesangst.“

Der 46-Jährige räumte auch ein, dass er zum Teil in seiner Gefangenschaft ein Handy hatte, aber keine Hilfe gerufen habe. Warum, wisse er auch nicht. „Ich habe gedacht, ich überlebe das nicht.“ Der Zeuge sagte weiter aus, dass er während dieser Woche von seinen Peinigern mit Bier versorgt worden sei.

Fortsetzung: 25. April

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