20-jähriges Opfer attackiert, weil es aussteigen wollte

Sturm-18-Verfahren: Schläge für Abtrünnigen

Drei der sechs Angeklagten: Die 44-jährige Angeklagte und der 29-jährige Angeklagte (rechts) sollen an den Taten von Bernd T. (Mitte) beteiligt gewesen sein. Foto:  Reinckens

Kassel. Am Anfang habe er sich mit dem Gedanken, bei „Sturm 18“ einzutreten, nicht richtig anfreunden können, sagte ein 20-jähriger Zeuge am Montag vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts.

Dort müssen sich Sturm-18-Chef Bernd T. und fünf weitere Mitglieder des mittlerweile verbotenen Vereins auf der Anklagebank verantworten.

„Wir sind gegen Ausländer und Juden, haben die zu mir gesagt“, sagte der Zeuge. Zudem würden die Mitglieder von Sturm 18 zu „rechten Veranstaltungen“ fahren. Nach einem Tag Bedenkzeit habe er sich schließlich doch entschlossen, dem Verein beizutreten. Eine Entscheidung, die der junge – vor Gericht sehr unsicher wirkende – Mann nach einigen Wochen offenbar bereute. „Freunde haben mitbekommen, dass ich in der rechten Szene war und versucht, mir das auszureden.“

Dass er bei dem rechten Verein nicht mehr mitmachen wollte, scheinen auch Bernd T. und seine Gefolgschaft spitzbekommen zu haben. Jedenfalls sollen sie den 20-Jährigen am 13. April 2015 im Flur eines Mehrfamilienhauses an der Fiedlerstraße (Nordstadt) abgefangen und in die Wohnung der 49-jährigen Angeklagten gedrängt haben. Dort sei er von der 37-jährigen Angeklagten mehrfach geschlagen worden. Erst als sich der Hund des Neonazis schützend auf ihn gesetzt und die Schlägerin angeknurrt habe, hätte sie von ihm abgelassen. T. habe von ihm wissen wollen, warum er nicht mehr bei Sturm 18 mitmachen will. „Wegen meiner Familie und der Ausbildung“, habe er geantwortet, so der junge Mann. Daraufhin habe er auch noch eine Backpfeife von T. kassiert.

In der Wohnung habe sich auch das „andere Opfer“ mit Prellungen und blauen Flecken aufgehalten, berichtete der 20-jährige Zeuge. Dabei handelt es sich um den 46-jährigen Mann, der behauptet, von T. und seiner Gefolgschaft im April vergangenen Jahres in der Wohnung eine Woche lang festgehalten worden zu sein.

Bernd T.s Verteidiger Dirk Waldschmidt äußerte an der Aussage des 46-Jährigen am Montag große Zweifel. Der Zeuge habe selbst erklärt, dass er ein großes Alkoholproblem habe. „Der Süchtige neigt dazu, alles zu tun, um an seine Suchtmittel ranzukommen.“ Und in der besagten Wohnung, in der der Mann angeblich festgehalten wurde, habe es umsonst Bier in ausreichender Menge gegeben, so Waldschmidt. Das sei die Motivation des Mannes gewesen, die Wohnung nicht zu verlassen.

Das sah die Lebensgefährtin des 46-Jährigen ganz anders. Erst habe sie auch nicht verstanden, warum ihr Freund nicht aus der Wohnung geflüchtet sei, obwohl er dazu offenbar die Möglichkeit gehabt habe. „Der war eingeschüchtert und traumatisiert“, so die 50-Jährige, die allerdings auch mit großen Erinnerungslücken vor Gericht zu kämpfen hatte. Nachdem ihr Freund nach der vermeintlichen Gefangenschaft wieder aufgetaucht war, veranlasste sie, die Polizei einzuschalten. Hintergrund

Der Prozess wird am Montag, 2. Mai, fortgesetzt.

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