15-Jährige schilderte, wie Angeklagter ihren Freund schlug

Sturm 18 Prozess: Schlaflos nach Attacke

+
Sie suchen während der Verhandlung immer wieder das Gespräch: Der Angeklagte Bernd T. und sein Verteidiger Dirk Waldschmidt.  

Kassel. Ist der Neonazi Bernd T., der bereits 23-mal verurteilt worden ist, gar nicht so gewaltbereit, sondern hat er mehr Mitgefühl als man denkt?

Diesen Eindruck versuchte jedenfalls sein Verteidiger Dirk Waldschmidt am Montag vor dem Landgericht zu vermitteln.

„Herr T. ist offenbar nicht der Mensch, wie er von manchen dargestellt wird“, sagte Waldschmidt, nachdem eine 34-jährige Zeugin ausgesagt hatte. 

Bei der Frau handelt es sich um die Mutter eines 15-jährigen Mädchens, das mit einem der mutmaßlichen Sturm 18-Opfer, einem 20-Jährigen, im April 2015 zusammen war. Der junge Mann hatte vergangene Woche ausgesagt, dass er vor einem Jahr von Bernd T. und seinen Mitangeklagten bedrängt und geschlagen worden sei, weil er bei dem Neonazi-Verein Sturm 18 nicht mehr mitmachen wollte. Das sei in dem Haus passiert, in dem sowohl seine damalige Freundin mit deren Mutter als auch die 49-jährige Angeklagte gewohnt haben.

Er sei an dem April-Abend in Anwesenheit seiner Freundin, deren jüngeren Schwestern und deren Mutter vor der Wohnung im ersten Stock von T. bedrängt worden, in die Wohnung im Erdgeschoss mitzukommen, hatte der 20-Jährige erklärt. Diese Aussage ihres „Ex-Schwiegersohns“ wollte die 34-jährige Frau am Montag so nicht bestätigen.

Bernd T. und der 28-jährige Mitangeklagte hätten zum Freund ihrer Tochter gesagt, sie müssten mit ihm reden. Er sei dann freiwillig mitgegangen. Sie sei mit ihren Töchtern in die eigene Wohnung gegangen. Weil es unten dann sehr laut geworden wäre, so die 34-Jährige, habe ihre Tochter Panik bekommen und sei herunter gegangen, um sich nach ihrem Freund zu erkundigen. Wenige Minuten später folgte ihr die 34-Jährige mit ihren zwei jüngeren Töchtern, die aus Angst geweint hätten.

Liaison mit Angeklagten

Bernd T. habe ihr geöffnet und gesagt, mit ihrer Tochter sei alles in Ordnung. „Und ihr ist ja auch nichts passiert. Meiner Tochter ging es gut, außer dass sie ein bisschen durch den Wind war“, so die Mutter. Auf Nachfrage räumte die 34-Jährige ein, dass sie eine kurze Liaison mit dem 28-jährigen Angeklagten hatte.

Anschließend sei sie mit ihren drei Töchtern und dem 20-jährigen Freund der ältesten Tochter, der „etwas an der Lippe hatte“, mit ihrem Auto zu einer Bekannten gefahren, um dort die Nacht zu verbringen.

Dass die Mädchen geweint und die Frau mit ihnen fluchtartig das Haus verlassen habe, führte Verteidiger Waldschmidt auf die Vergangenheit der Familie zurück, die nach eigenen Aussagen der Frau nicht gewaltfrei war. „Frauen und Kinder, die Gewalt gewohnt sind, geraten leicht in Panik. Das ist verständlich“, sagte Waldschmidt. Sein Mandant T. habe das erkannt und entsprechend reagiert.

Mit Faust ins Gesicht

„Bernd hat gesagt, mir wird nichts passieren, wenn ich meinen Mund halte“, sagte die 15-jährige Zeugin aus, die deutlichere Worte als ihre Mutter vor Gericht fand. Sie berichtete, dass ihr damaliger Freund an dem Abend von der 37-jährigen Angeklagten mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde. Der Vorfall habe sie dermaßen belastet, dass sie mehrere Wochen nicht mehr schlafen konnte.

Der Prozess vor der Fünften Strafkammer wird am kommenden Montag, 9. Mai, fortgesetzt.

Sechs Angeklagte

Wegen des Verdachts der mehrfachen gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, räuberischen Erpressung, Nötigung und Bedrohung muss sich der Kasseler Neonazi Bernd T. (41), Gründer von Sturm 18, vor der Fünften Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten.

Die Anklagebank teilen sich mit ihm drei Frauen im Alter von 37, 44 und 49 Jahren aus Kassel und zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren aus dem Schwalm-Eder-Kreis wegen des Verdachts der Beteiligung an den entsprechenden Taten.

Lesen Sie dazu auch:

Zeuge im Sturm-18-Verfahren: „Ich hatte Todesangst“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.