Prozess

Messer-Überfall vom Weinberg: Geraubtes Handy führte Ermittler zum Angeklagten

Kassel. „Präsidente, glauben sie mir. Ich habe keinen Raub begangen.“ Mit verheultem Gesicht und fast beschwörend beteuerte der Asylbewerber aus Algerien gegenüber Richter Jürgen Dreyer seine Unschuld in passablem Deutsch. „Sie haben mir Aufenthaltsgenehmigung gegeben, einen Raum, in dem ich schlafen kann. Wie würde ich mich trauen, ein Messer zu nehmen, mit dessen Hilfe ich jemanden rauben kann?“

Der 26-Jährige ist wegen schweren Raubes vor dem Landgericht angeklagt. An einem Samstagabend im März dieses Jahres war ein damals 24-Jähriger am Weinberg von zwei Männern mit einem Messer bedroht und zur Herausgabe eines Smartphones, eines Firmenhandys und seines Portemonnaies gezwungen worden.

Später wurde das dienstliche Funktelefon von der Polizei aufgespürt und im Spind des Algeriers in der Erstaufnahmeeinrichtung in Niederzwehren gefunden. Mit seiner eigenen SIM-Karte hatte er es genutzt. Aber habe er nie gewusst, dass das Gerät aus einem Überfall stamme, beteuerte der Angeklagte. Er habe das Handy am Stern für 15 Euro gekauft.

Die Suche nach dem zweiten möglichen Täter verlief wegen falscher Personalien für eine weitere SIM-Karte im Nichts. Das berichtete der Ermittler, der mittels der Funkdaten einen Monat nach dem Überfall auf die Spur des zwischenzeitlich abgelehnten Asylbewerber gekommen war.

Dieser landete daraufhin im Gefängnis, von wo er jetzt dem Gericht vorgeführt wurde. Seit seiner Einreise nach Deutschland im September 2015 hat der Mann die weit überwiegende Zeit in Untersuchungshaft verbracht. Denn schon neun Tage, nachdem er zum ersten Mal einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hatte, wurde er in Frankfurt wegen Trickdiebstahls und eines Drogendelikts festgenommen. Zu acht Monaten Haft verurteilte ihn dafür das Amtsgericht Frankfurt. Allerdings ist die Entscheidung noch nicht rechtskräftig.

Möglicherweise sei auch das ein Fall von räuberischem Diebstahl gewesen, mutmaßte der Richter Dreyer, nach dem Studium des Urteils. Um das zu klären, steigt die Kammer noch einmal in die Beweisaufnahme ein und hängt einen zweiten Verhandlungstag dran - obwohl eigentlich sogar die Schlussvorträge schon gehört worden waren.

In ihren Plädoyers hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung den Fall völlig unterschiedlich beurteilt. Fünf Jahre Haft forderte Staatsanwalt Jan Uekermann, weil er die Täterschaft des Algeriers bei dem schweren Raub für erwiesen hielt. Auf Freispruch plädierte Strafverteidiger Marcus Mauermann: Kein einziges objektives Beweismittel spreche gegen seinen Mandanten. Selbst der Überfallene habe den Angeklagten bei der Polizei nicht zweifelsfrei identifiziert.

Vor Gericht begegneten sich der Nordafrikaner mit den schwarzen, gegelten Locken und der von dem Überfall merklich verunsicherte blonde 25-Jährige nicht. Denn dieser befürchtete „weitere Gewaltanwendungen“ - und sein Arzt einen Nervenzusammenbruch. Deshalb wurde der Beschuldigte während der Aussage des Opfers aus dem Gerichtssaal geführt.

Fortsetzung: Montag, 24. Oktober, 9 Uhr, E 119

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