Interview mit Kasseler Kreativitätsforscher Olaf-Axel Burow über neue Medien im Unterricht

„Tablet ist moderne Schiefertafel“

Digitales Lernen: Der Kasseler Erziehungswissenschaftler sieht in der Nutzung des Internet und von sozialen Netzwerken im Schulunterricht viele Chancen. Unser Bild zeigt Schüler bei der Arbeit an Tablet-PCs. Foto: dpa

Kassel. Internet und soziale Netzwerke sind für viele Schüler kaum aus der Freizeit wegzudenken. Der Kasseler Professor Olaf-Axel Burow plädiert in seinem neuen Buch „Digitale Dividende“ dafür, dass Schulen die neuen Medien auch im Unterricht nutzen sollen. Wir sprachen mit dem Erziehungswissenschaftler und Kreativitätsforscher.

Viele Lehrer und Eltern sind gegenüber Facebook und Co. eher skeptisch - warum?

Prof. Olaf-Axel Burow: Zum einen, weil sie stört, dass damit viel Zeit vergeudet wird. Andererseits gibt es aber bei vielen Erwachsenen auch eine Unkenntnis darüber, wie Kinder neue Medien nutzen und auch produktiv nutzen.

Wie denn?

Burow: Zum Teil tauschen sie Unterrichtsinhalte aus oder geben Tipps für Vorbereitungen auf Klassenarbeiten. Es gibt auch sehr gute Lernplattformen im Internet wie die Khan-Akademie, bei der es zum Beispiel Erklärvideos zum Satz des Pythagoras und anderen Themen gibt. Schüler können dort nach ihrem individuellen Tempo lernen und bekommen auch Rückmeldung. Mit solchen Lernformaten stehen wir vor einer Revolution des Lernens und Lehrens.

Wird Stoff künftig nur noch online vermittelt? Dann würden ja die Lehrer überflüssig?

Burow: Das Unterrichten wird schrittweise an solche Systeme ausgelagert werden. Aber Lehrer sollten das nicht als Bedrohung empfinden, im Gegenteil: Es könnte sogar eine Befreiung sein, weil sie sich individuell um die Schüler kümmern können. Natürlich eröffnen Lernplattformen ein großes Rationalisierungspotenzial. Aber Lehrer werden keineswegs überflüssig. Sie können sich dem zuwenden, was ihre Spezialität ist: nämlich nicht, frontal Wissen zu vermitteln, sondern in der Fülle der Angebote Lernstoffe auswählen, Schülern Hilfestellung geben, sie beraten und individuell fördern.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es im digitalen Zeitalter für Lehrer, um den Unterricht zu gestalten?

Burow: In Englisch könnte man zum Beispiel via Skype Kontakt zu einer Partnerklasse in England aufbauen. Dadurch steigt das Interesse an den Lerninhalten, weil sie durch den echten Kontakt persönlich bedeutsam für die Schüler werden. Oder die Schüler erarbeiten sich ein Thema, um einen Wikipedia-Artikel darüber zu erstellen, um dann - Stichwort: kollektives Wissen - zu sehen, wie er sich durch andere Autoren weiterentwickelt. Oder man könnte im Unterricht eine digitale Schülerzeitung produzieren.

Sind die Lehrer überhaupt bereit dafür?

Burow: Da sehe ich in der Tat einen riesigen Nachholbedarf. Das Problem ist weniger, wie man technisch mit den Geräten oder Internetplattformen umgeht, sondern wie man sie so in den Unterricht einbindet, dass es zu einem Wissenszuwachs führt. So etwas muss auch integraler Bestandteil der Lehrerausbildung werden. Egal, wie man dazu steht, eins ist klar: Wir sind auf dem Weg in eine digitale Zukunft. Wenn die Lehrer sich dem nicht zuwenden, droht die Gefahr, dass sie weggefegt werden.

Und wie sieht es mit der Ausstattung der Schulen aus?

Burow: Einige Schulen sind schon recht gut mit Computern ausgestattet, andere weniger. Allerdings haben heute die meisten Schüler ohnehin ein Smartphone oder einen Tablet-PC. Man wird Modelle finden müssen, wie man die Geräte anschafft und auch Kinder aus armen Familien damit ausstattet. Das iPad ist die Schiefertafel des 21. Jahrhunderts. Es hat die gleiche Größe, aber mit dem Unterschied, dass die Schüler darauf die Welt zur Verfügung haben. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten des aktiven, freien Lernens.

Welche Rolle spielen Bücher noch im Unterricht von morgen?

Burow: In vielen Bereichen werden sie nicht mehr nötig sein. In Südkorea etwa gibt es seit Kurzem keine Lehrbücher mehr, die Schüler bekommen alles in digitalen Versionen. Digitales Lehrmaterial hat den Vorteil, dass es kostengünstiger ist und schneller zu aktualisieren. Das entspricht der enormen Beschleunigung des Wissens in unserer Zeit. Aber gut aufbereitete, hochwertig gestaltete Bücher werden auch in Zukunft noch gefragt sein. Olaf-Axel Burow: Digitale Dividende - Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule. Beltz Verlag, 2014, 26,95 Euro.

Von Katja Rudolph

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