Gemischte Gefühle zur Einführung des Mindestlohns

Taxifahrer aus Kassel: „Habe Angst, dass ich den Job verliere“

Nachteile durch Mindestlohn: Fahrer Quang Hai-Le sieht die Entwicklung in der Taxibranche mit Sorge. Foto: Michaelis

Kassel. Besonders gern sprechen die Taxi- und Minicarfahrer nicht über die Preise für ihre Kunden und ihren eigenen Verdienst.

Bei unserer Umfrage am Samstagmittag in der Taxi-Warteschlange vor dem IC-Bahnhof Wilhelmshöhe winkten fast alle ab, als sie auf die Preiserhöhungen und den Mindestlohn angesprochen wurden. Einige sagten doch etwas, wenn auch ohne ihren Namen zu nennen.

Nur Quang Hai-Le hatte kein Problem mit einem Foto an seinem Taxi. Er fährt seit 15 Jahren in Kassel Taxi. Derzeit erlebe er die umsatzschwächste Zeit seiner Karriere. Ungefähr seit Weihnachten gebe es deutlich weniger Arbeit. Geradezu bezeichnend sei der Samstag bis dahin gewesen. Seit 7 Uhr morgens war Quang Hai-Le im Einsatz. Gerade drei Fahrgäste habe er transportiert, sein Umsatz in sechs Stunden: 27 Euro. „Wie soll man da 8,50 Euro Mindestlohn bezahlen“, sagt er. „Ich habe Angst, dass ich meine Arbeit verliere.“

Mit der Einführung des Mindestlohns zum Jahreswechsel haben viele Taxiunternehmer die Bezahlung umgestellt. Vorher hatten viele Fahrer einen Provisionsanteil, wodurch sie an arbeitsreichen und umsatzstarken Tagen gut verdient haben. Nun bekomme jeder 8,50 Euro pro Stunde, egal wie viele Fahrgäste er transportiere. „Für mich ist das schlecht“, sagt Quang Hai-Le.

Andere Fahrer, die nicht genannt werden wollen, finden den Mindestlohn richtig. Aber in der Branche sei es nicht selten, dass Standzeiten nicht als Arbeitszeit zählten und dementsprechend auch nicht bezahlt würden, sagt einer.

Ein weiterer berichtet, dass trotz des Mindestlohns viele nach wie vor auf Provisionsbasis fahren. Auf 8,50 Euro pro Stunde kämen die meisten dann jedoch nicht.

Noch ein anderer Fahrer bezeichnet Kassel als „Hauptstadt der Schwarzarbeit“. Das Problem sei in der Taxi- und Mietwagenbranche massiver als in anderen Städten, sagte er und fordert mehr Kontrollen. „Wenn die Schwarzarbeit weg ist, komme ich auch auf mehr Fahrten“, sagt er. „Dann brauche ich keinen Mindestlohn.“

Schwarzarbeit würde ebenso schlecht kontrolliert wie die Minicars, die den Taxifahrern in Kassel seit Langem das Leben schwer machen. „Gucken Sie doch da vorn“, sagt einer und zeigt auf ein Minicar, das in etwa 200 Meter Entfernung vor dem Bahnhofseingang auf Fahrgäste wartet. Zulässig ist das nicht, Minicars haben eine Rückkehrpflicht. „Das interessiert die bei der Stadt doch gar nicht“, schimpfen die Taxifahrer.

Ob der Minicar-Fahrer eine Meinung zu Preiserhöhungen und Mindestlohn hat, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Als er darauf angesprochen wird, scheint er sich ertappt zu fühlen, steigt in sein Fahrzeug und fährt davon.

Hintergrund: Taxichef befürchtet Massen-Entlassungen

Einige Unternehmer werden den Mindestlohn nicht überleben“, sagt Rolf Freudenstein, Geschäftsführer des Kasseler Marktführers Taxi-Service-Zentrale. „Es wird zu massenhaften Entlassungen kommen.“

Fleißige Fahrer werde das nicht treffen. Aber das Problem seien die weniger fleißigen. „Es wird eine Bereinigung der Arbeitnehmerschaft erfolgen müssen“, sagt Freudenstein. Letztlich bleibe den Unternehmern keine Wahl, die Fahrer zu entlassen, die den nötigen Umsatz nicht erwirtschaften.

Ähnlich sieht es Dieter Eggers von Minicar Citycar, das Unternehmen betreibt auch Taxis. Rätselhaft sei, wie Konkurrenzbetriebe angesichts des Mindestlohns ohne Preiserhöhung auskommen wollen. Wirtschaftlich sei das dann nicht mehr.

Hintergrund: Über 300 Taxis und Minicars in Kassel

Im Gegensatz zu Mietwagen und Minicars gelten Taxis als Bestandteil des öffentlichen Personenverkehrs. Laut Gesetz haben sie eine Beförderungspflicht. Hält sich ein Fahrer nicht daran, begeht er eine Ordnungswidrigkeit. Ablehnen darf er die Beförderung, wenn die Betriebssicherheit gefährdet ist.

Genehmigungsbehörde in Kassel ist die Stadt, die mit einer Verordnung auch die Preise festlegt. Wegen der rechtlichen Unterschiede habe die Stadt keinen Einfluss auf die Preisgestaltung bei Minicars, sagte Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich auf Anfrage. „Mietwagenfahrer sind nur gesetzlich verpflichtet, die aktuell gültigen Fahrpreise im Mietwagen für Fahrgäste gut sichtbar auszulegen.“

In Kassel gibt es etwa 170 Taxis und nach Schätzung von Rolf Freudenstein, Geschäftsführer Taxi-Service-Zentrale, genauso viele Mietwagen. Die Taxi-Service-Zentrale betreibt mit 90 Fahrzeugen mehr als die Hälfte aller Taxis. Mit Aushilfen beschäftigt allein der Marktführer etwa 400 Mitarbeiter.

Von Claas Michaelis

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