Technisches Gemeinschaftsbüro

In Kassel werden Bordküchen für Airbus konstruiert

Kassel. Dass Fluggäste auf Langstreckenreisen nicht hungern müssen und ständig mit gekühlten Getränken versorgt sind, ist auch dem Technischen Gemeinschaftsbüro GmbH (TGB) in Kassel zu verdanken.

Denn der Ingenieurdienstleister mit dem klanglos-bescheidenen Namen konstruiert eine Vielzahl von Bordküchen für Airbus-Langstreckenmaschinen der Typen A 330 bis A 380. Und weil nicht nur jeder Typ eine andere braucht, sondern auch jede Fluglinie ein individuelle Ausstattung will, müssen die Kasseler Profis in ihren idyllisch gelegenen Büros oberhalb des Panoramawegs am Rande des Habichtswalds immer wieder an ihre ihre Rechner mit komplexer Konstruktionssoftware.

Aber Bordküchen sind bei weitem nicht das einzige, was die 70 Spezialisten in dem 1922 gegründeten und 1946 nach Kassel verlagerten Unternehmen (siehe Hintergrund) täglich ersinnen. TGB kommt traditionell aus der Bahntechnik - bis heute das stärkste Standbein des Konstrukteurs. Er entwirft Rohbauten, Innenausstattungen, Sitze, Führerstände und vieles mehr für Hochgeschwindigkeitszüge, Lokomotiven, Regional- und Straßenbahnen - für eine Reihe namhafter Hersteller wie Siemens, Bombardier, Alstom, Skoda und Hitachi.

„Wir decken ein sehr großes Spektrum ab“, erklärt TGB-Geschäftsführer Christian Henssler. Abteilungsleiter Dr. Dirk Kämmerer bezeichnet TGB als mittelgroßen Spezilisten in einem überschaubaren Markt. Im Bereich Bordküchen zählen sich die Kasseler zu den Größeren der Branche. Hier gebe es nur eine Handvoll Mitbewerber.

Drittes und jüngstes Standbein sind Anlagen und kleine bis mittelgroße Kraftwerke, das TGB derzeit mit Hilfe seiner finnischen Mutter Citec in Deutschland aufbaut. „Wir stellen uns breiter auf“, sagt Henssler, der auch anderen Industrie-Unternehmen Ingenieursdienstleistungen, Qualitätsmanagement und Beratung etwa im Bereich Lieferkette anbietet.

Gemeinsam mit dem kleineren Berliner Schwesterunternehmen Ceig, das weitere 20 Spezialisten beschäftigt, setzt TGB rund zehn Millionen Euro im Jahr um. Die Bahnsparte, die als Spätfolge der Finanzkrise von 2009/10 eingebrochen war, zieht laut Henssler wieder an. Das Bordküchengeschäft sei ein zyklisches, laufe derzeit aber gut, und der Kraftwerksbau sehe am Anfang. „Wir sind optimistisch“, sagt der Geschäftsführer.

Über die Jahre stabil präsentiert sich Standbein Nummer vier: Die Erarbeitung von Normen für das Deutsche Institut für Normung (DIN) sowie für europäische und internationale Institutionen (siehe Hintergrund). TGB betreibt in Kassel die Geschäftsstelle des Normenausschusses Fahrweg- und Schienenfahrzeuge (FSF) für das DIN, organisiert die Norm-Erstellung, besorgt die notwendigen Experten und stellt entsprechende Anträge.

Alle Normen müssen regelmäßig überprüft und bei Bedarf geändert, erweitert oder erneuert werden. Zur Zeit treibt vor allem die EU-Kommission das Geschäft mit Normen, um sie europaweit zu vereinheitlichen.

Hintergrund

Der Vorgänger des TGB, das Vereinheitlichungsbüro (VB) der damals 22 deutschen Lokbauer, wurde 1922 in Berlin gegründet. Seine Aufgabe war es, Normen zu entwickeln, um dem Wildwuchs ein Ende zu bereiten. 1946 wurde das VB nach Kassel zu Henschel verlagert. 1952 wurde daraus das TGB, sechs Jahre später wurde der Normenausschuss ins TGB integriert, seit 1962 ist das TGB eine eigenständige GmbH.

Die damaligen Gesellschafter waren die Lokbauer Henschel, Krauss-Maffei, Krupp und Jung sowie die Maschinenfabrik Esslingen. Anfang der 1990er-Jahren kam der Siemens-Konzern ins Spiel. Er hatte zuvor die Hersteller MaK und Krupp übernommen. 1997 wurde Siemens Alleingesellschafter.

Im März vergangenen Jahres verkauften die Münchner TGB an die finnische Citec-Gruppe. Der weltweit tätige Kraftwerksspezialist beschäftigt 1300 Mitarbeiter und setzte 2014 rund 77 Millionen Euro um. Die TGB-Firmengebäude am Mulang gehören Hessen Forst.

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