Therapie für Flüchtlinge: Land plant Psychosoziales Zentrum in Kassel

Eckhardt Brockhaus

Kassel. Viele Flüchtlinge haben Krieg und Verfolgung hinter sich gelassen, wenn sie in Deutschland ankommen. Die seelischen Folgen der Erlebnisse vor und während der Flucht fallen in der neuen Heimat aber nicht von ihnen ab.

Jetzt plant das Land Hessen offenbar, in Kassel ein „Psychosoziales Zentrum" zur Versorgung von Geflüchteten einzurichten.

Das Sozialministerium bestätigte auf Anfrage lediglich, dass hessenweit vier solcher Einrichtungen angedacht seien, eines davon in Nordhessen. Noch befinde man sich in der Konzeptionsphase, In den Zentren solle Beratung und Therapie für tramatisierte und psychisch belastete Flüchtlinge geboten werden.

Der „Arbeitskreis Flüchtlinge“ des Kasseler Alexander-Mitscherlich-Instituts (AMI) war kürzlich nach Wiesbaden eingeladen und hat dort ein Konzept für ein solches Psychosoziales Zentrum vorgelegt. „Wir hoffen, dass unsere Erfahrungen und unser Know-how miteinfließen“, sagt der Kasseler Pyschotherapeut Eckhardt Brockhaus.

Er gehört zu dem Kreis von über 25 Kollegen des AMI, darunter Psychologen und Psychiater, die sich seit vergangenem Herbst als „ehrenamtliche Professionelle“ um die Menschen in den Erstaufnahme-Einrichtungen in der Region kümmern. Sie haben über 450 erwachsene Flüchtlinge und mehr als 40 Kinder behandelt. Die Betroffenen litten unter Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Ängsten, hatten Folter oder Vergewaltigung zu verarbeiten oder familiäre Konflikte zu bewältigen.

Die geplanten Zentren böten die Chance, die psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen, die man in der Not aus dem Boden gestampft habe, jetzt auf eine stabile Grundlage zu stellen, sagt Brockhaus. Entscheidend ist nach Ansicht des Kasseler Arbeitskreises, dass die Menschen kontinuierlich begleitet werden. „Verbindliche Beziehungen sind wichtig, damit eine allmähliche psychische Stabilisierung möglicht“, sagt der 71-jährige Therapeut. Die Zuständigkeit einer solchen Institution und ihrer Mitarbeiter dürfe deshalb nicht bei den Erstaufnahme-Einrichtungen des Landes enden. Auch nach dem Wechsel der Asylbewerber in kommunale Unterkünfte müsse sie Anlaufstelle bleiben.

Ehrenamtliche einbinden

Zudem gelte es, Dolmetscher eng in die psychosoziale Arbeit einzubinden. Sie könnten nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Unterschiede vermitteln, ohne die ein gegenseitiges Verstehen kaum möglich sei. Ebenso unverzichtbar sei der Einsatz von Ehrenamtlichen mit ihren vielfältigen Qualifikationen. Auch sie müssten systematisch einbezogen werden. „Sonst wird das Projekt Integration nicht gelingen“, sagt Brockhaus. Über Freiwillige könne das geplante Psychosoziale Zentrum eng mit der Gesellschaft verzahnt und seinen „Aktionsradius“ erweitert werden.

Hintergrund

Aus acht wurden drei: Wie berichtet, hat das Land Hessen die Zahl der Erstaufnahmen reduziert. In Stadt und Kreis Kassel gibt es jetzt nur noch die Einrichtungen in Niederzwehren (660 Plätze), Calden (1500) und Fuldatal-Rothwesten (500). Ab 1. Juli geht die Zuständigkeit, die bisher beim Regierungspräsidium Kassel lag, an das RP Gießen über, das dann alle 19 Erstaufnahmen in Hessen koordiniert. Der „Arbeitskreis Flüchtlinge“ des Alexander-Mitscherlich-Instituts hat die Zusammenlegung zu großen Einheiten von Anfang an kritisiert. Wo viele Menschen auf engstem Raum leben, gebe es naturgemäß ein größeres Konfliktpotenzial.

Zudem könnten bei einem geringeren Stellenschlüssel psychische Störungen und Notlagen von Bewohnern weniger gut erkannt werden. In großen Einrichtungen mit mehreren hundert Bewohnern komme außerdem häufiger zu behandlungsbedürftigen psychischen Aufälligkeiten, sagt Psychotherpeut Eckhard Brockhaus. „Was passiert, wenn Menschen dieses Situation nicht aushalten, hat man auch an den Gewaltausschreitungen in Calden gesehen.“ Schädlich sei auch, wenn die Asylbewerber monatelang in den Erstaufnahmen in der Warteschleife hingen. „Dann kommen die Traumata der Flucht und aus der Heimat wieder hoch.“ (rud)

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