Geschäftsführerin der Drogenhilfe Nordhessen zur Beschaffungskriminalität

„Therapie statt Methadon“

Kassel. Eigentumsdelikte werden zum großen Teil von Drogenabhängigen begangen. Das geht aus der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Nordhessen hervor. Darüber haben wir mit der Geschäftsführerin der Drogenhilfe Nordhessen, Angela Waldschmidt, gesprochen.

80 Prozent der Diebe sind laut Statistik drogenabhängig. Erschreckt Sie diese Zahl?

Angela Waldschmidt: Nein, das überrascht mich nicht. Beschaffungskriminalität hat es immer gegeben. Allerdings kenne ich die Zahlen der Vorjahre nicht. Deswegen kann ich die Entwicklung nicht einschätzen. Tatsache ist aber, dass viele Abhängige ihre Sucht nicht legal finanzieren können. Das Ganze zeigt einen Trugschluss deutlich: Durch die immer großzügigere Ausgabe der Ersatzdroge Methadon verschwindet die Beschaffungskriminalität nicht.

Die Ausgabe von Methadon fördert also die Beschaffungskriminalität?

Waldschmidt: Methadon verhindert sie nicht. Viele Substituierte nehmen ja nicht ausschließlich das Methadon, sondern konsumieren dazu andere Drogen wie Haschisch oder Kokain. Und die bezahlt die Krankenkasse nicht. Es ist absolut fahrlässig, dass Methadon nach dem Gießkannenprinzip über die Heroinsüchtigen ausgeschüttet wird. Und das über lange Zeiten. Es gibt Abhängige, die seit zehn Jahren oder noch länger substituiert werden. Dabei ist der Entzug von Methadon viel schwieriger als der von Heroin. Das ist übrigens ein bundesweites Problem.

Wie ist es dazu gekommen?

Waldschmidt: Vor etwa acht Jahren ist die Verordnung von Methadon stark vereinfacht worden. Früher bedurfte es für jede einzelne Substitution eines Heroinabhängigen der Genehmigung durch die Substitutionskommission der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Heute liegt die Entscheidung allein beim Arzt. Die Verordnung muss nur noch gemeldet werden. Dabei hat die alte Regelung Ärzte durchaus auch geschützt. Die Heroinabhängigen üben zum Teil einen enormen Druck auf die Ärzte aus. Damit sind die Ärzte auf sich allein gestellt. Es hat seinen Grund, warum unsere Mitarbeiter regelmäßig Supervision erhalten. Mit Suchtkranken zu arbeiten, kann sehr belastend sein.

Warum wird Methadon so großzügig verteilt, wenn das solche Probleme nach sich zieht?

Waldschmidt: Da gibt es Versäumnisse in der Politik. Der Fokus ist allein auf die Gabe eines Medikaments gelegt worden. Nicht zuletzt ist es auch ein Geschäft. Doch die Regelung der Finanzierung für die so wichtige psychosoziale Betreuung bleibt außen vor. Die Krankenkassen sehen das nicht als ihre Aufgabe. Doch allein Methadon zu geben, hilft den Betroffenen nicht. Die Süchtigen werden allein gelassen.

Polizeipräsident Wilfried Henning hat gefordert, den Druck auf kriminelle Abhängige zu erhöhen, sich einer Therapie zu unterziehen. Sind genügend Plätze vorhanden?

Waldschmidt: Definitiv ja. Es ist eher so, dass Einrichtungen für eine Abstinenztherapie nicht ausgelastet sind. Methadon zu verordnen, ist angesagter. Die gesetzlichen Möglichkeiten, Druck auszuüben sind da. Dazu ist schon vor Jahren der Grundsatz Therapie statt Strafe eingeführt worden. Und oft nutzen die Gerichte diese Möglichkeiten auch.

Druck soll auch über eine Inhaftierung erzeugt werden. Ist ein Zwangsentzug im Gefängnis überhaupt realistisch?

Waldschmidt: Natürlich ist der Knast keine drogenfreie Zone. Aber auf der Krankenstation wird erst einmal entgiftet. Dadurch bekommen viele zum ersten Mal nach längerer Zeit einen klaren Kopf und beginnen, über ihre Situation zu nachzudenken.

Was schlagen Sie vor, um das Problem zu entschärfen?

Waldschmidt: Bevor Methadon gegeben wird, sollten Heroinabhängige zumindest einmal in einer Abstinenztherapie gewesen sein. Methadon ist nicht das Mittel der Wahl bei der Therapie. In ganz Nordhessen gibt es etwa 3000 Abhängige von harten Drogen, geschätzte 1000 davon werden substituiert. Als Leistung der Krankenkasse bekommen in Stadt und Landkreis Kassel etwa 600 Abhängige Methadon.

Von Claas Michaelis

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