Wohnungen werden angespanntem Markt auf Dauer entzogen

Kassel beliebt: Viele Touristen buchen Privatwohnungen für Kurztrip

Kassel. Im Stadtgebiet werden 235 Wohnungen über Internetportale wie Airbnb regelmäßig an Touristen vermietet und sind so dem Wohnungsmarkt auf Dauer entzogen.

Unkompliziert, persönlich und meist günstiger als im Hotel lässt sich über Portale wie Airbnb schnell ein Privatquartier für eine Städtereise nach Kassel finden. Übers Jahr stehen 235 solcher Unterkünfte in der documenta-Stadt zur Verfügung, hat eine aktuelle Studie ermittelt. 

Was bei immer mehr Touristen beliebt ist, sorgt andererseits auch für Kritik. Denn längst nicht immer gehe es nur um gelegentliche Privatvermietung, sagen Behörden, Politiker und Verbände. Mit den niedrigschwelligen Quartierangeboten würden gern ein paar schnelle Euro gemacht oder quasi-gewerbliche Geschäftsmodelle gestrickt, so die Kritiker – oft vorbei am Fiskus, unter Zweckentfremdung von Wohnraum oder mit Verstoß gegen Mietvertragsregeln, falls eine regelmäßige Untervermietung an Touristen nicht explizit abgesprochen wurde. 

Ist da etwas dran? Kasseler Airbnb-Vermieter reagierten bei stichprobenartigen HNA-Anfragen freundlich, aber reserviert auf die Idee, sie und ihre Angebote in der Zeitung vorzustellen. „Das ist anscheinend ein ganz gutes Geschäft“, sagte Siegfried Putz, Regionalsprecher des Maklerverbandes IVD. Wer selbst Eigentümer einer Wohnung sei, könne deutlich mehr Geld erlösen, wenn er sie als gut gebuchtes Gästequartier betreibe, statt sie regulär und dauerhaft zu vermieten. 

Eigentümer müssten neuerdings selbst den Makler bezahlen, wenn sie mit dessen Hilfe Mieter suchen – auch vor diesem Hintergrund seien Modelle mit Online-Mietbörsen interessanter geworden, sagte Putz. Auf dem angespannten Kasseler Wohnungsmarkt könne das zu weiterer Verknappung führen. Jene Wohnungen, die als Touristenquartier betrieben würden, „können ja nicht die schlechtesten sein“ und lägen vorwiegend in gesuchten Stadtteilen. „Die fehlen dann natürlich auf dem Wohnungsmarkt“, sagte der IVD-Sprecher. 

Die Kasseler Linke sieht in dem Thema „ein weiteres Beispiel, wie bezahlbarer Wohnraum durch Geschäftsmodelle verknappt wird“. Violetta Bock, die für die Fraktion im Stadtentwicklungsausschuss sitzt, fordert: „Gerade in Zeiten, in denen es so schwierig ist, eine Wohnung zu finden, brauchen wir eine wirkungsvolle Verwaltung, die diese Entwicklung beobachtet und die Möglichkeiten hat, gegen Zweckentfremdung vorzugehen.“ Bei Kassel Marketing sieht man eher die Vorzüge für den städtischen Tourismus. 

Durch die Online-Portale sei es „unkomplizierter geworden, sich für eine Reise nach Kassel zu entscheiden“, sagte Sprecherin Birgit Kuchenreiter: „Uns ist jeder Gast gleichermaßen willkommen – egal, wo und wie er seinen Aufenthalt in der documenta-Stadt gebucht hat.“ Vor allem jüngeren Kassel-Besuchern kämen die neuen Optionen durch Airbnb und Co. entgegen.

Kassel gehört zu beliebtesten Zielen

Die Nachfrage nach Wohnraum in Kassel übersteigt schon seit Jahren bei Weitem das Angebot, was zu ständig steigenden Mietpreisen führt. Fachleute rechnen damit, dass sich diese Entwicklung weiter verschärft.

Eine groß angelegte Studie des Immobilienentwicklers GBI AG liefert erstmals bundesweite Zahlen zur direkten Kurzzeitvermietung auf Online-Portalen. Demnach werden in Kassel jedes Jahr 33.800 Übernachtungen auf diesem Weg vermittelt. In die amtliche Tourismusstatistik geht diese Zahl nicht ein. Untersucht wurden 179 deutsche Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern.

Im bundesweiten Vergleich gehört Kassel laut der Studie zu den beliebtesten Zielen für Online-Direktbucher von Privatquartieren. Um das zu ermitteln, haben die Autoren jeweils die amtlichen Übernachtungszahlen des Vorjahres (Kassel: 903.700) zu jenen von Airbnb und Co. vermittelten ins Verhältnis gesetzt.

In dieser Betrachtung liegt Kassel auf Platz 15 unter 179 Städten – gleich hinter Metropolen wie Frankfurt, Hannover und Nürnberg und deutlich vor Touristenmagneten wie Heidelberg, Freiburg und Regensburg.

Hintergrund: So funktioniert Airbnb

Airbnb steht für „Air bed and breakfast“, also Luftmatratze und Frühstück. Die 2008 gegründete Internetplattform versteht sich als Marktplatz, der Menschen, die kurzzeitig eine Bleibe suchen, mit privaten Gastgebern zusammenbringt. Dafür nimmt Airbnb von beiden Seiten eine Provision und sorgt treuhänderisch für einen korrekten Bezahlvorgang. Mieter und Gastgeber müssen sich auf dem Portal registrieren und ein Profil hinterlegen. Das Unternehmen mit dem Motto „Weltweit private Unterkünfte finden“ ist eins der erfolgreichsten Start-ups der vergangenen Jahre und hat mittlerweile 1,2 Millionen Unterkünfte in über 190 Ländern. 2015 wurde Airbnb mit 25,5 Milliarden Dollar bewertet – das ist mehr, als die weltweit zweitgrößte Hotelkette Marriott wert ist. Inzwischen sind weitere Anbieter wie Wimdu und 9flats mit ähnlichem Konzept auf den Markt gekommen.

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