Viele Opfer aus der Region

Über 1000 Ebay-Nutzer raffiniert betrogen: Haft für "kater35"

Kassel. „Da wird Geld per Vorkasse an einen Unbekannten mit dem Namen ,kater35‘ überwiesen. Wer macht so etwas?“, fragte Richter Stanoschek in seiner Urteilsbegründung.

Weil sich die „Geiz ist geil“-Mentalität in der Gesellschaft eingeprägt habe, „werfen immer mehr Nutzer Betrügern Geld in den Rachen“. „Das Strafrecht schützt auch die Dummen.“

Aber: „Das Strafrecht schützt auch die Dummen“, sagte Stanoschek. Er verurteilte gestern einen 51-jährigen Ebay-Betrüger aus Dessau zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten wegen gewerbsmäßigen Betrugs und ordnete eine Fortdauer der Haft wegen Fluchtgefahr an. Immerhin dürfe der Angeklagte jetzt mit seiner Lebensgefährtin in Thailand telefonieren. Von dort aus hatte der Angeklagte von August 2012 bis Januar 2015 rund 1300 Nutzer der Internet-Auktions-Plattform Ebay um 377.000 Euro betrogen - darunter viele aus der Region.

Das umfassende Geständnis hatte zu einer Verständigung zwischen Staatsanwalt Ruhnau, Verteidiger Dr. Detlef Jenkel (Bremen) und der 5. Strafkammer des Landgerichts sowie einer deutlichen Verkürzung des Verfahrens geführt.

Der 51-Jährige hatte ein raffiniertes Geflecht mit ahnungslosen Finanzagenten in Deutschland und Thailand, mit gehackten Ebay-Konten und verschleierten Internet-Adressen aufgebaut. Bei rund 2500 Ebay-Auktionen erschwindelte er sich so insgesamt 377 000 Euro, von denen sich in Pattaya prächtig leben ließ. Von dem Geld wurde nichts mehr gefunden.

Erst als Ebay-Nutzer aus Nordhessen die Kasseler Polizei darauf aufmerksam machten, dass ständig Waren mit unglaublich niedrigen Preisen angeboten wurden, wurde die Kripo aufmerksam. Schnell stellte sich heraus, dass keiner der Käufer die Ware auch erhalten hatte. Bis der Betrüger in Pattaya endlich ausfindig gemacht werden konnte, mussten über 100 000 E-Mails ausgewertet werden. Anfang des Jahres wurde der Mann von der thailändischen Polizei festgenommen.

Die drei Monate Auslieferungshaft in einem dortigen Gefängnis, das laut Verteidiger Jenkel zu den fünf schlimmsten Haftanstalten weltweit gehört, werden ihm jetzt bei der Strafverbüßung in Deutschland mit neun Monaten angerechnet.

Der Angeklagte hatte eine Hölle geschildert: Schlafen auf dem Boden, bedrängt von Gangster-Gangs und permanenter Todesangst. Überlebt habe er, weil ihn zwei Bodyguards beschützten und eine Frau ihm Obst und Gemüse zusteckte.

14 Jahre lebte der Mann in Thailand, scheiterte mit einer Wurstbude und einer Videothek und kam so auf die einträglichen Ebay-Betrügereien.

Dass er sich noch während dieser Straftaten um einen Job auf einer Ölplattform bewarb, rechnete ihm die Kammer als Versuch an, sich vom tausendfachen Betrug zu lösen.

Die Strafverfolgungsbehörden liefen meist vergeblich dem ausufernden Betrug im Internet hinterher, bedauerte Richter Stanoschek. Nur ab und zu könnten sie - wie jetzt - einmal „zubeißen“.

Darüber freute sich gestern im Gericht auch der Kripo-Beamte, der den Täter überführt hatte.

Das sagt der Geschädigte: 

„Das Angebot eines Kleidungsstücks bei Ebay wirkte ganz normal, es war nicht als Fälschung zu erkennen.“ So beschrieb ein Geschädigter aus Kassel, wie er auf den Betrüger aus Thailand hereingefallen war.

Der Mann hatte sich über den HNA-Kommentar „Kopf einschalten“ geärgert und die Redaktion angerufen. Er sei ein erfahrener und umsichtiger Ebay-Nutzer, habe das Angebot sogar noch nachrecherchiert. Alles habe völlig glaubwürdig und seriös gewirkt. Auch Staatsanwalt Ruhnau hatte darauf verwiesen, dass nicht etwa Elektronik-Artikel, sondern nur Waren angeboten wurden, die bei kaum einem Nutzer einen Betrugsverdacht keimen ließen

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