An Hunderten Stellen werden Passanten in der Innenstadt gefilmt

Debatte nach Silvester-Vorfällen in Köln: Kameras haben Kassel im Blick

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Ist mehr Überwachungstechnik auf öffentlichen Plätzen nötig? Nach den Kölner Ereignissen in der Silvesternacht wird darüber auch in Kassel wieder vermehrt diskutiert.

Kassel. Nach den Silvester-Vorfällen in Köln gibt es zunehmend Forderungen, zentrale Plätze stärker durch Video-Überwachung zu kontrollieren.

In Kassel hatte dies am Wochenende die CDU zum Thema bei ihrem Parteitag zur Kommunalwahl gemacht.

Zwar geht es der Union vornehmlich um visuelle Kontrollen durch Polizei und Ordnungsbehörden: In Kassels Innenstadt und in Verkehrsmitteln sind aktuell bereits Hunderte Überwachungskameras installiert, die das Geschehen in der Stadt erfassen – ob in der Straßenbahn, in Parkhäusern oder Geschäften, ob an belebten Kreuzungen, in Museen oder in Bahnhofsgebäuden.

Meist wird der Einsatz von Video-Überwachungstechnik mit Kriminalitätsbekämpfung und anderen Sicherheitsargumenten begründet. So erscheint es den meisten Menschen heute selbstverständlich, an der Tankstelle oder beim Geldabheben zum Motiv von Kameras zu werden, deren Bilder unter Umständen monatelang irgendwo gespeichert werden.

Die Betreiber solcher Überwachungstechnik beteuern in der Regel, dass alles konform mit den Vorgaben des Datenschutzes zugehe und dass die Aufnahmen nach einer gewissen Zeit automatisch gelöscht würden, wenn nichts passiert ist. Andererseits sind auch Systeme im Einsatz, bei denen Mitarbeiter einer Leitstelle live am Bildschirm verfolgen, was wir gerade tun und wo wir uns aufhalten.

Wo die Kasseler überall im Fokus von Kameras stehen, zeigt unser Überblick.

Sicherheit für Passanten am Stern

Rund um den Stern beobachtet die Polizei seit 2002 das Geschehen mit drei schwenkbaren Kameras, die an KVG-Masten angebracht sind und den Bereich zwischen Hauptpost, Druselturm, Lutherplatz und Hansahaus erfassen. Sie dienen nicht der Verkehrssteuerung, sondern der Vorbeugung vor Straßen- und Drogenkriminalität.

An der Kreuzung, die für solche Vorfälle als Brennpunkt gilt, sollen die Kameras das Sicherheitsempfinden der Passanten erhöhen und ein schnelles Eingreifen der Polizei möglich machen, falls etwas passiert. Die Polizei-Pressestelle weist auch auf den Abschreckungseffekt hin, den die Kameras auf mögliche Täter haben.

Die Bilder vom Stern laufen auf zwei Monitoren in einem separaten Raum der Leitstelle im Polizeipräsidium auf. Zu diesem Bereich haben nur Personen mit besonderer Berechtigung Zutritt, betont die Polizei. Die Bilder würden drei Tage lang gespeichert und anschließend automatisch gelöscht beziehungsweise überschrieben.

Die Beamten in der Leitstelle können die drei Kameras bei Bedarf in bestimmte Positionen steuern – etwa, um Verdächtige zu verfolgen – und dazu auch einzelne Fotos und Sequenzen aus dem Bilderstrom speichern.

Nach Angaben eines Polizeisprechers ist durch die Steuerungstechnik Vorsorge getroffen, dass die Kameras in ihrem Schwenkradius stets nur den öffentlichen Straßenraum erfassen, jedoch keine Einblicke in Wohnungen oder Geschäftsräume nehmen können. Solche sogenannten Privatzonen seien in der Kamerasteuerung programmiert und würden automatisch ausgeblendet, sodass das Bild bereits entsprechend bearbeitet ins Präsidium übertragen wird.

Bilder vom Bahnsteig im Bahnhof Wilhelmshöhe

Mit täglich bis zu 30 000 Besuchern ist der Bahnhof Wilhelmshöhe eines der meistgenutzten Gebäude der Stadt. Nicht jeder Passant dort ist Reisender, nicht jeder hat redliche Absichten. Dennoch gibt es laut Auskunft der Bahn keine Video-Überwachung im oberen Hallenbereich und auf den Rampen zu den Gleisen. Lediglich die Bahnsteige seien mit Kameras ausgestattet, damit die Fahrdienstleitung den Ein- und Ausstiegsbetrieb verfolgen könne. Was aufgezeichnet werde, stehe im Bedarfsfall der Bundespolizei zur Verfügung. Doch die könnte die Bahnsteigbilder „kaum sinnvoll nutzen“, sagt Bundespolizeisprecher Klaus Arend: „Da ist immer nur ein recht enger Bereich einsehbar, und man erkennt keine Gesichter.“

Vandalenschutz für Trams und Haltestellen

Wohl der größte Nutzer von Kameraaugen in Kassel dürfte die KVG sein: Bis zu 94 Straßenbahnen und Regiotrams sind täglich im Stadtgebiet unterwegs, jede mit zwei Kameras an Bord. Sie sollen Straftäter abschrecken und Vandalismusschäden vorbeugen. Aus diesem Grund sind von über 100 Haltestellen im Stadtgebiet auch 13 besonders stark frequentierte Stationen – etwa die an der Mauerstraße – mit Überwachungskameras ausgestattet.

„Die Abschreckung funktioniert“, sagt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad: An den betreffenden Haltestellen seien die Beschädigungen deutlich zurückgegangen. Die Bilder liefen in der rund um die Uhr besetzten KVG-Leitstelle in Bad Wilhelmshöhe auf und würden nach kriminellen Vorfällen gegebenenfalls auch von der Polizei ausgewertet. Die Aufnahmen der Haltestellen-Kameras würden nach 72 Stunden überschrieben, die in den Trams nach 24 Stunden.

Geldinstitute: Bitte recht freundlich am Geldautomaten

Ob Sparkasse, Privat- oder Genossenschaftsbank: Wo Bargeld in hoher Frequenz aus Automaten kommt und über den Tresen geht, sind Überwachungskameras buchstäblich Pflicht. Geregelt sei dies in der berufsgenossenschaftlichen „Unfallverhütungsvorschrift Kassen“, erläutert Christina Hackenberg, Sprecherin der Kasseler Bank. Danach müssten öffentlich zugängliche Bereiche von Geldinstituten, in denen mit Banknoten hantiert wird, mit einer „optischen Raumüberwachungsanlage“ ausgerüstet sein, welche so beschaffen ist, dass „wesentliche Phasen eines Überfalles optisch wiedergegeben werden können“.

Aus Sicherheitsgründen ist Hackenberg mit detaillierten Angaben zurückhaltend, ebenso wie Michael Krath von der Kasseler Sparkasse. Diese unterhält Geldautomaten an 37 Standorten im Stadtgebiet, bei der Kasseler Bank sind es 26. Überall werden Kamerabilder aufgezeichnet, mit denen, wie beide Sprecher betonen, gemäß den datenschutzrechtlichen Vorschriften umgegangen werde.

Galerien und Kaufhäuser: Linsen als Laden-Detektive

Im Einzelhandel sind ungezählte Kameras im Dauereinsatz gegen Ladendiebe, in Einkaufsgalerien wie City-Point, Dez, Kurfürsten- und Königs-Galerie hat die Beobachtung der Kundenströme außerdem einen Sicherheitsaspekt.

Die großen Häuser in Kassel gehen unterschiedlich mit der Technik um: Manche erfassen per Kamerablick das Geschehen aus diversen Perspektiven, andere nur besonders heikle Bereiche wie Hauszugänge oder Geldautomatenstandorte. Unabhängig von den Aktivitäten des Hausmanagements setzen viele Betreiber von Galerie-Geschäften Überwachungskameras in ihren Räumen ein – im Bonbon- oder Schreibwarenladen ist der Kunde vielleicht noch unbeobachtet, in Elektronik- oder Lebensmittelmärkten sind Überwachungskameras längst Standard.

In der Regel werden Besucher großer Warenhäuser mit Aufklebern an den Eingängen auf die Kameraüberwachung hingewiesen.

Parkhäuser: Wächter über 1000 Autos

Fast 1000 Autostellplätze bietet die Tiefgarage unter dem Friedrichsplatz auf zwei Ebenen und auf über 30 000 Quadratmetern – da ist „Sicherheit für Menschen und Fahrzeuge“ ein zentrales Thema, sagte Parkhausbetreiber Gerhard Jochinger. Insgesamt 15 Kameras erfassen das Geschehen, um Diebstählen vorzubeugen, Kunden vor Belästigungen zu schützen und Beschädigungen zu dokumentieren.

Falls doch einmal etwas passiere, habe man die Urheber mithilfe der Filmaufnahmen und der Polizei schon oft dingfest machen können, sagt Jochinger. Die Kameras seien schwenkbar, was den Vorteil habe, dass das Wachpersonal via Sprachverbindung den Fahrern direkt assistieren könne, wenn diese Probleme am Kassenautomaten oder an den Zugangsschranken haben. Dort sei der Kamerablick auch „ein wichtiges Steuerungsinstrument“ bei starkem Verkehrsaufkommen: Je nach Bedarf könnten dann mehr Ein- oder mehr Ausfahrtsspuren freigeschaltet werden.

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