Sie werden zur Rarität

Kasseler Uhrmacher behauptet sich gegen Wegwerf-Uhren

Handwerker mit ruhiger Hand: Vahid Curic ölt die Lager einer Breitling-Armbanduhr, die er gerade repariert hat. Fotos: Dilling

Kassel. Es gongt, klingelt und tickt unablässig in Vahid Curics kleiner Werkstatt in Niederzwehren.

An den Wänden stehen Standuhren aus verschiedenen Jahrhunderten, die kreisrunde Uhr eines Mercedes-170-Oldtimers wartet auf eine neue Aufzugswelle, auf dem Arbeitstisch liegen teure Armbanduhren, denen der gebürtige Bosnier mit ruhiger Hand, Pinzette und Lupe neue Federn oder winzige Lager einsetzt, um sie wieder zum Laufen zu bringen. Seit 40 Jahren repariert der Uhrmachermeister mechanische Uhren. „Für große Uhren finden Sie in Kassel keinen außer mir, der sie reparieren kann“, sagt der 65-Jährige.

Curic behauptet sich mit seinem Geschäft in einem Handwerk, das zumindest in Kassel zur Rarität zu werden droht. „Es sind immer mehr Betriebe weggebrochen“, sagt Ulf Stracke, stellvertretender Obermeister der Fachinnung Uhren, Schmuck, Zeitmesstechnik Hessen-Nord. Nachwuchs ausgebildet wurde 2014 in Kassel und dem Landkreis nicht. Dabei würden junge Leute mit einer Uhrmacher-Ausbildung wegen ihres feinmechanischen Talents von der Industrie gern genommen, erklärt Horst Eberhardt, Geschäftsführer des Zentralverbands (Northeim).

Doch wer sich als Uhrmachermeister in dem traditionsreichen Handwerk selbstständig machen will, hat mit vielen Hürden zu kämpfen. Der Einzelkämpfer Curic kann davon ein Lied singen. „Uhrmacher war mein Traumberuf“, sagt er. Im Januar 1975 hatte er als frischgebackener Meister ein Uhren- und Schmuckgeschäft in Oberzwehren eröffnet. Doch schon fünf Jahre später gab er das Geschäft auf, behielt nur die Reparaturwerkstatt: Der Siegeszug der - billigen - Quarzuhren, für die sich Reparaturen nicht lohnen, machte Curic und vielen anderen Uhrmachern das Leben schwer.

„Fast jeder Bäcker hat damals solche Uhren verkauft“, erinnert sich Curic. Er suchte sich ein zweites berufliches Standbein, machte unter anderem bei Mercedes in Kassel eine Ausbildung zum Industriemeister. Seit ein paar Jahren hat Curic wieder viel mehr zu tun. Kunden brächten ihm Uhren aus Uromas Zeiten. Die hochwertige mechanische Armbanduhr werde von jungen erfolgreichen Angestellten zunehmend als langlebiges „Prestigeobjekt“ entdeckt.

Diesen Trend bestätigt Eberhardt vom Zentralverband. Doch dies reiche kaum aus, um allein mit lokaler Kundschaft bestehen zu können, meint Curic. Er arbeitet deshalb für Betriebe in ganz Deutschland. Der Kasseler hat außerdem einen Vorteil: In Holzkästen habe er etwa eine Million Ersatzteile gesammelt, viele von Uhrenherstellern, die längst nicht mehr existieren.

Von Peter Dilling

Hintergrund

Immer mehr Betriebe verschwinden

Die Zahl der Uhrmacherbetriebe in Stadt und Kreis Kassel ist in den vergangenen 20 Jahren stark geschrumpft, fast um zwei Drittel. Laut Statistik der Handwerkskammer Kassel gab es 1994 in der Stadt Kassel noch 18 Betriebe. Ende 2014 waren es nur noch sieben, die bei der Kammer gemeldet waren. Im Landkreis ging ihre Zahl von sieben um mehr als die Hälfte auf drei Betriebe zurück. Im gesamten Kammerbezirk, der Nord-, Mittel- und Teile von Osthessen umfasst, schrumpfte das Uhrmacher-Handwerk in den vergangenen 20 Jahren fast um die Hälfte. Die Ausbildungssituation sieht noch trostloser aus. Weder in der Stadt noch im Landkreis wurden 2014 Uhrmacher-Lehrlinge ausgebildet, im gesamten Kammerbezirk nur ein einziger. Vor 20 Jahren wurden in Kassel immerhin noch drei Lehrlinge ausgebildet. Eine Uhrmacher-Ausbildung in Nordhessen berge hohe Hürden, sagt Ulf Stracke von der Uhrmacher-Innung. Es gebe hier keine Berufsfachschule, die nächste sei in Bayern. Das verursache Azubis und Betrieben hohe Kosten und verlange den Lehrlingen eine hohe Flexibilität ab. Selbstständige Uhrmacher hätten außerdem teilweise Probleme, sich gegen die Uhrenindustrie durchzusetzen. Bei höherpreisigen Uhren könne es Schwierigkeiten mit der Ersatzteilbelieferung geben, weil die großen Unternehmen kostenaufwendige Zertifizierungen verlangten. (pdi)

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