"Modernste Verkehrskreuzung Europas"

Umbau früher und heute: Als es am Altmarkt spukte

Kassel. Im Jahr 1957 blickte ganz Deutschland auf Kassel: Grund dafür war der Bau einer Kreuzung, die heute niemanden mehr ins Staunen versetzt: Der Altmarkt. Damals allerdings pries ihn die Stadt in einem Werbeprospekt als „die modernste Verkehrskreuzung Europas“.

Und auch in der bundesweiten Presse wurde der Altmarkt als Nonplusultra der Verkehrsplanung gefeiert.

Wie sehr die Kreuzung die Menschen verblüffte, davon gibt ein Artikel des Magazins „Der Spiegel“ vom 27. November 1957 einen Eindruck. Darin schildert der damalige Kasseler Polizeipräsident Dr. Günther Wetzel, wie er ständig Anfragen von Autofahrern beantworten muss, die vor allem eine Frage haben: Wie kann es sein, „dass die Ampeln, wie von Geisterhand, auf Grün umschalten, sobald sich ein Fahrzeug der Kreuzung nähert?“

Und weiter schreibt der Spiegel von einer „Straßenkreuzung neuen Typs, über die der Verkehr ohne Stockungen fließt.“ Diese Einschätzung mag fast 60 Jahre später wohl kein Autofahrer mehr teilen.

Altmarkt anno 1958: Das Foto entstand ein Jahr nach der Einweihung der „modernsten Kreuzung Europas“. Damals war gerade das inzwischen abgerissene Polizeiverwaltungsgebäude (heute Standort des Finanzamtes) eröffnet worden.

Seinerzeit allerdings waren Ampelanlagen, die durch Kontakte unter dem Asphalt auf den heranfahrenden Verkehr reagierten, ein Novum. Ebenfalls neu waren: Rechtsabbieger, die ohne Ampelsteuerung ständig freie Fahrt bieten.

Grund für den Umbau des Altmarkts war in den 50er-Jahren das wachsende Verkehrschaos. Weil in der Nachkriegszeit immer mehr Autos auf Kassels Straßen unterwegs waren, bildeten sich (schon damals) mehrere hundert Meter lange Schlangen vor den Ampeln. Weil die Polizei keine Lösung fand, schaltete sie die Ampeln irgendwann ab und lenkte den Verkehr durch Beamten – doch das Chaos ließ sich nicht bändigen. Also wurde der Umbau geplant, der 2,2 Mio. Mark kosten sollte (diesmal sind es 4,2 Mio. Euro).

Die neue Kreuzung war bei ihrer Fertigstellung im August 1957 für maximal 65.000 Autos täglich ausgelegt, heute rollen bis zu 100.000 Autos über den Altmarkt. Die Probleme sind also kein Wunder.

Voraussetzung für den einst wegweisenden Entwurf der Stadtplaner war eine Regelung, die mit dem aktuellen Umbau aufgehoben wird: Die Fußgänger sollten die Kreuzung unterirdisch queren. Die damals gebauten Fußgängertunnel werden in den nächsten Monaten zugeschüttet, Fußgänger müssen den Altmarkt wieder oberirdisch überqueren. Anders als heute scheute seinerzeit niemand den Gang durch die Tunnel.

Und noch etwas ist anders als früher: 1957 lobte die CDU-Fraktion die SPD für den Kreuzungsumbau. Im Jahr 2014 gibt es harsche Kritik an den rot-grünen Plänen, weil die CDU unter anderem befürchtet, dass sich durch den Wegfall der Fußgängertunnel die Wartezeit für Autofahrer deutlich verlängert.

Von Bastian Ludwig

Rubriklistenbild: © Lengemann/nh

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