Größter Anteil an Schwerverletzten

Unfallstudie belegt: Trams bergen hohes Risiko für Fußgänger

Kassel. Drei von vier Menschen, die in Deutschland bei Unfällen mit Straßenbahnen getötet werden, sind Fußgänger. Mit 37 Prozent stellen sie auch den größten Anteil an den Schwerverletzten.

Diese Ergebnisse einer jetzt vorgelegten bundesweiten Studie, bei der 4100 Straßenbahnunfälle mit insgesamt 93 Todesopfern und 864 Schwerverletzten untersucht wurden, decken sich mit den Erfahrungen in Kassel: Der jüngste tödliche Tram-Unfall ereignete sich im Juli 2015 in der Stadt. Dabei war ein 55-Jähriger beim Überqueren der Holländischen Straße von einer Bahn der Linie 1 erfasst worden.

Unter allen Verkehrsteilnehmern stellen für Fußgänger die Unfälle mit Straßenbahnen die größte Gefahr dar, warnt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Er hat alle Straßenbahnunfälle der Jahre 2009 bis 2011 in 58 deutschen Städten ausgewertet und ein Ranking erstellt, das sich auf die Länge des Streckennetzes bezieht. Laut Statistik ist Karlsruhe mit 0,9 Getöteten und Schwerverletzten pro Streckenkilometer die „gefährlichste“ Straßenbahn-Stadt Deutschlands.

Kassel belegt in dieser Unfallstudie Platz 27 mit einem Getöteten und 14 Schwerverletzten im Untersuchungszeitraum. Nach Angaben der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) sind in den Folgejahren 2012 bis 2015 fünf Menschen bei Unfällen mit Straßenbahnen getötet worden, zehn erlitten schwere Verletzungen. Fußgänger sind nicht nur die am meisten Betroffenen, sie verursachen auch jeden fünften Straßenbahnunfall mit Personenschaden. Wegen der Risiken empfiehlt die GDV-Studie, Straßenbahnstrecken in Seitenlage zu führen. Straßen mit Gleisen an den Seiten seien deutlich sicherer als mehrspurige Straßen mit Gleis in der Mitte. Letztere sind in Kassel vorherrschend. Die KVG kündigte an, die Studie und die Unfälle der vergangenen Jahre prüfen zu wollen.

KVG will Ergebnisse prüfen

Die von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) vorgelegte Studie zu Straßenbahnunfällen in Deutschland will die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) auswerten. „Wir werden die Studie intensiv nutzen und ihre Fragestellung auf die Kasseler Verhältnisse übertragen“, kündigte Unternehmenssprecher Ingo Pijanka auf Anfrage an. Der eigentliche Fokus der Untersuchung liege auf den Unfallursachen aus baulicher und verkehrlicher Sicht. 

Ingo Pijanka

„Wir haben einen Mitarbeiter abgestellt, der alle Straßenbahnunfälle der vergangenen fünf Jahre unter diesen Gesichtspunkten prüfen wird“, sagt Pijanka. Allerdings sehen die KVG-Experten bei der Untersuchung methodische, definitorische und rechtliche Probleme. So mangele es etwa an Angaben, auf welcher Berechnungs- und Bemessungsgrundlage die Zahlen erhoben wurden. Pijanka: „Für uns sind die errechneten Werte nicht nachvollziehbar, weil nirgends angegeben ist, wo die Grundangaben herkommen.“ Zum Ansatz der Untersuchung fragt Pijanka, was denn die Alternative sei. „Keine Trams bedeutet mehr Busse und mehr Individualverkehr, also mehr Autos. Bei solch einem Szenario würden erheblich mehr Unfälle mit diesen Verkehrsmitteln entstehen.“

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