Janosch Schobin

Interview: Kasseler Soziologe über die Bedeutung von Freundschaften

Freunde werden für die Deutschen immer mehr zum Familienersatz. Für 92 Prozent der Bevölkerung und für 95 Prozent der Singles gehören Freunde inzwischen zur „unverzichtbaren persönlichen Lebensqualität“. Foto: Picture Alliance

Kassel. Freunde fürs Leben wünschen sich die meisten Menschen. Wissenschaftlich sind Freundschaften und ihre gesellschaftliche Bedeutung aber bisher wenig gewürdigt worden, sagt der Soziologe Dr. Janosch Schobin von der Uni Kassel.

Mit anderen Forschern hat er gerade ein Buch über „Freundschaft heute“ herausgegeben.

Wie sind Sie auf das Forschungsthema Freundschaft gekommen?

Dr. Janosch Schobin: Ich bin als Kind viel umgezogen, weil meine Eltern in der Entwicklungshilfe tätig waren. Ich war auf sechs Schulen in drei Ländern. Also musste ich immer neue Freunde finden und konnte alte nicht mehr sehen. Akademisch habe ich das Thema dann sozusagen als unbestelltes Feld wiederentdeckt. In der Soziologie wird traditionell vor allem zu Dingen geforscht, die sozialstaatlich relevant sind. Und Freundschaft ist nicht in dieses System eingebettet.

Viele Menschen kennen ihre besten Freunde länger als ihren Partner. Hat Freundschaft nicht sogar einen höheren Stellenwert als Liebe?

Schobin: Das ist eine Frage der subjektiven Einschätzung. Bei Umfragen werden Freunde als genauso wichtig wie Familie oder Partnerschaft eingestuft. Ein kleiner Prozentsatz, etwa fünf bis zehn Prozent, findet Freunde tatsächlich wichtiger. Das hängt auch vom Lebensalter ab: In der Jugend spielen Freunde meist eine größere Rolle als beispielsweise in der Phase der Familiengründung.

Welche Bedeutung hat Freundschaft für die Gesellschaft?

Schobin: Freundschaft gilt in unserer Gesellschaft als zweckentlasteter sozialer Bereich. Die Idee aus der Aufklärung, dass Freundschaft eine Beziehung jenseits der Nützlichkeit ist und gerade deshalb einen besonderen Wert hat, setzte sich in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts durch. Noch in der Nachkriegszeit hatten Freunde durchaus auch eine praktische Funktion: Sie sollten einem helfen und in Notlagen zur Seite stehen. Mit der Expansion des Sozialstaats und Entwicklung zur Wohlstandsgesellschaft wurden Freundschaften von Nützlichkeitserwartungen entlastet. Allerdings löst sich dieses Freundschaftsideal langsam wieder auf.

Weil Freunde zunehmend zur Ersatzfamilie werden?

Schobin: Gewissermaßen. In einer alternden Gesellschaft, in der es kaum noch kinderreiche Familien gibt, dafür aber hohe Scheidungsquoten und viele Singles, stellt sich die Frage, wer mit uns den Lebensabend verbringt. Da kommt Freundschaft wieder als etwas Nützliches ins Spiel. Die Vorstellung, sich von Freunden auch pflegen zu lassen, ist den meisten Menschen allerdings noch unangenehm. Die leibesbezogene Pflege durch Freunde kommt bisher nur sehr selten vor. Weil immer mehr Menschen ohne Familie altern, wird das aber ein wichtiges Thema.

Ist da nicht eher eine Professionalisierung von Pflege nötig?

Schobin: Das passiert ja bereits, ist aber sehr teuer und belastet die Kassen. Auf lange Sicht ist das nicht tragfähig. Daher ist eine entscheidende Frage, ob sich eine soziale Form entwickelt, die an die Stelle der Pflege durch Angehörige tritt. Da kommen enge, intime Freundschaften ins Spiel.

Meinen Sie damit emotionale Intimität?

Schobin: Ja. Gemeint ist damit in erster Linie, dass man sich alles anvertraut. Enge Freundschaft geht oft aber auch mit körperlicher Nähe einher: Immer mehr Freunde küssen oder umarmen sich zur Begrüßung. Gerade zwischen Freundinnen spielt - so wird es jedenfalls in Freundschaftsratgebern dargestellt - Leiblichkeit offenbar eine Rolle: Man macht sich gegenseitig die Haare, massiert einander oder gönnt sich einen Wellnesstag. In Männerfreundschaften ist körperliche Nähe im öffentlichen Diskurs eher tabu. Daher würde ich auch beim Thema Pflege unter Freunden die Avantgarde bei den Frauen vermuten.

Sind Freundschaften unter Frauen generell enger?

Schobin: Das lässt sich wissenschaftlich schwer ermitteln. Frauen geben in Umfragen zwar an, dass sie engen Freundinnen intime Dinge erzählen. Das heißt aber nicht unbedingt, dass Männer weniger intime Freundschaften führen. Man kann über wichtige Dinge ja auch beredt schweigen. Nach der Anzahl gefragt, nennen Männer sogar mehr enge Freunde als Frauen. Aber man weiß nicht, ob sie tatsächlich mehr Freunde haben oder nur unter enger Freundschaft etwas anderes verstehen als Frauen. Der Durchschnitt liegt in Deutschland übrigens bei vier engen Freunden.

Was genau macht eine Freundschaft aus?

Schobin: Freundschaften werden durch Rituale besiegelt. Schon in der Antike gab es die Blutsbrüderschaft. Das Blut stand dabei als Symbol für die eigene Person - ein Lebenspfand, das man tauscht und teilt. Damit einher gingen Verpflichtungen füreinander wie der Beistand im Kriegsfall. Daher kommt übrigens das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“, wobei mit Wasser das Geburtswasser gemeint ist. Heute wird der Spruch meist in genau umgekehrter Bedeutung verstanden.

Heute tauschen Freunde allerdings in aller Regel kein Blut.

Schobin: Das Tauschen von Lebenspfändern besteht heute im Teilen intimer Geheimnisse. Man erzählt sich von Problemen in der Beziehung oder im Job, von Ängsten oder Depressionen. Dadurch machen wir uns wechselseitig verletzlich, aber wir werden auch stärker: Wer mich kennt, kann mir besser Rat und Unterstützung geben. Das sind unsere modernen Bündnispflichten.

Heute haben viele Menschen allerdings auch Hunderte „Freunde“ im sozialen Netzwerk Facebook. Unterhöhlt das den Freundschaftsbegriff?

Schobin: Ich glaube nicht, dass Facebook groß etwas daran ändert, wie Menschen in ihrer Lebenswelt Freundschaften führen. Sie können sehr wohl zwischen echten Freunden und losen Bekanntschaften - im Internet oder andernorts - unterscheiden. Der Begriff „Freund“ bei Facebook steht, so wie ich es sehe, in der langen Tradition des Friedensgrußes. Man nähert sich einem Fremden und sagt: Hallo, mein Freund. Das gibt es seit 2000 Jahren. 

„Freundschaft heute: Eine Einführung in die Freundschaftssoziologie“, Janosch Schobin et al., Transcript Verlag, 19,99 Euro.

Leseraufruf

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