Aus dem Krieg an die Uni - Syrer studiert in Kassel

Vertieft sich ins Studium: Abdulkader Abo dan kommt aus Aleppo in Syrien und will in Kassel noch einen Masterabschluss in Wirtschaft machen. Foto: Rudolph

Kassel. Die Flüchtlingskrise macht sich auch an der Uni Kassel bemerkbar. Eine wachsende Zahl von Studenten aus Fluchtländern ist dort eingeschrieben. Wir haben einen jungen Syrer getroffen, der in Kassel jetzt im Masterstudium Wirtschaft studiert.

Die Wörterbuch-App auf dem Handy ist noch sein wichtigster Gefährte im Hörsaal, ansonsten verfolgt Abdulkader Abo dan die Vorlesung genauso wie seine Kommilitonen. Der 29-Jährige aus Syrien hat in diesem Semester ein Masterstudium für „Business Studies“ (Wirtschaft) an der Uni Kassel aufgenommen. Die Alltagskommunikation auf Deutsch beherrscht der junge Mann schon nahezu perfekt. „Aber das Fachvokabular fehlt mir manchmal noch“, sagt er.

Er ist einer von 74 syrischen Studenten, die aktuell an der Uni Kassel eingeschrieben sind. Die Zahl der Bewerber aus dem Kriegsland ist in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen. 158 Studienbewerber aus Syrien hat die Uni in diesem Semester registriert - vor zwei Jahren waren es 46.

Auch für Abdulkader Abo dan ist die Uni nicht nur ein Studien-, sondern auch ein Zufluchtsort. Er stammt aus Aleppo, wo seine Familie bis heute lebt. „Obwohl es kaum noch ein Leben gibt dort“, sagt der Student. Die ehemalige Metropole ist weitgehend zerstört, fließend Wasser und Strom gibt es nicht mehr. Abdul, wie er von Freunden genannt wird, hat seine Heimat schon vor zwei Jahren verlassen. Sein begonnenes Masterstudium in Aleppo musste er abbrechen. Auch damals tobte schon der Krieg in Syrien. Dennoch ist er nicht als Flüchtling, sondern als internationaler Student nach Kassel gekommen - ganz normal mit Bewerbung.

Anfang des Jahres wurde aber der Pass des 29-Jährigen von der Botschaft nicht verlängert. Unter anderem, weil er in seiner Heimat Militärdienst leisten sollte. Mehr will der junge Mann aus Angst um seine Familie nicht erzählen. „Es ist schlimm, dass man hier in einem freien Land ist und trotzdem noch Angst hat“, sagt er nachdenklich. Um hierbleiben zu können, beantragte er Asyl - und hat inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre.

Für seinen Lebensunterhalt in Deutschland bürgt ein Onkel aus Berlin. Das Studium finanziert Abo dan sich, indem er in einem Schnellrestaurant jobbt. Bevor der Syrer, der in einem Studentenwohnheim am Holländischen Platz wohnt, in das eigentliche Studium einsteigen konnte, hat er fast zwei Jahre lang Sprachkurse absolviert. Im Sommer hat er die Sprachprüfung für den Hochschulzugang bestanden, sodass alle Voraussetzungen erfüllt waren.

Jetzt stürzt er sich in sein Studium. Ziel ist der Masterabschluss. „Danach weiß man nicht, was passiert“, sagt der 29-Jährige. Die Hoffnung, einmal nach Syrien zurückkehren zu können, hat er noch nicht aufgegeben.

Hintergrund: Asyl-Status wird nicht erfasst

An der Uni Kassel studieren aktuell knapp 2900 Studenten mit ausländischem Pass. Wie viele Asylbewerber darunter sind, wird nicht erfasst. Die Hochschule prüft nur die Voraussetzungen zur Aufnahme des Studiums, nicht den Aufenthaltsstatus ausländischer Studienbewerber. Dafür ist die Ausländerbehörde zuständig.

Internationale Studierende müssen die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) bestehen, bevor sie zugelassen werden können. Wer kein der Hochschulreife entsprechendes Zeugnis hat, wird am Studienkolleg auf eine „Feststellungsprüfung“ vorbereitet.

Internationale Studierende müssen jedes Jahr nachweisen, dass sie ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Dafür wird in der Regel ein Sperrkonto angelegt, auf dem 8000 Euro hinterlegt sein müssen.

Universität Kassel will Hürden für studieninteressierte Flüchtlinge abbauen

Mehrere Tausend Asylbewerber haben in Nordhessen eine Zuflucht gefunden. Denjenigen, die das Zeug für ein Studium haben, will sich die Universität Kassel öffnen. „Studierende aus dem Ausland sehen wir als Bereicherung in Lehrveranstaltungen und Forschungszusammenhängen“, sagt Vizepräsident Prof. Dr. Andreas Hänlein.

Die Uni prüft seit einiger Zeit, wie man Flüchtlingen den Zugang zur Hochschule erleichtern und sie unterstützen kann. So ist derzeit ein Gasthörer-Programm in Vorbereitung. Dabei sollen Asylbewerber ausgewählte Lehrveranstaltungen im Rahmen der Bürgeruniversität besuchen können. Dieses Angebot besteht bereits seit Jahren für Rentner und andere Interessierte.

Eine Gasthörerschaft sei zwar kein Äquivalent für ein reguläres Studium mit akademischem Abschluss, betont Hänlein. Aber Asylbewerber könnten in den Lehrveranstaltungen Wissen erwerben, von dem sie womöglich in einem späteren Studium profitierten. Zudem erhielten sie Einblicke in den Hochschulalltag und könnten ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Geklärt werden muss noch, wie die Gasthörer-Plätze für Flüchtlinge finanziert werden. Bislang ist die Uni verpflichtet, Gebühren zu erheben (120 Euro für ein Semester). Das Wissenschaftsministerium prüfe aber, ob Flüchtlingen die Gebühr erlassen werden könnte.

Auf Vorgaben aus Wiesbaden ist die Uni auch angewiesen, wenn es um Fragen der Zulassung geht. Es gelte auszuloten, inwieweit Gesetze und Vorgaben an die neue Situation angepasst werden müssten, so Hänlein. Dabei spielt der Nachweis von Vorbildung eine wichtige Rolle. Viele Menschen dürften im Krieg und auf der Flucht ihre Zeugnisse verloren haben. Noch seien solche Fälle an der Uni Kassel nicht vorgekommen, sagt Mario Keim, Leiter des Studierendensekretariats. „Aber ich gehe davon aus, dass uns das bald begegnen wird.“

Auch jenseits von Fragen des Studiums sind an der Uni Hilfsangebote für Flüchtlinge entstanden. Unter anderem stellen Studenten mit ihrem Projekt „Amuzabag“ Rucksäcke her, die mit Spielmaterial gefüllt an Flüchtlingskinder verteilt werden. Es gibt ein Patenprojekt, bei dem sich Studenten um Flüchtlingskinder kümmern. Auch beim Deutschlernen leisten Studierende bereits unbürokratisch Hilfe für Flüchtlinge.

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