Arbeitskreis erhielt Info, dass nur große Einrichtungen bestehen bleiben

Unterbringung von Flüchtlingen: Psychologen halten kleine Lager für besser

Umzug in das Flüchtlingscamp nach Calden: Vergangene Woche zogen die 260 Flüchtlinge aus der Landesfeuerwehrschule in Kassel nach Calden. Foto: Thiele

Kassel / Wiesbaden. Seit Wochen kursiert das Gerücht, kleinere Flüchtlingseinrichtungen würden mangels Auslastung geschlossen. Diese Idee stößt auf Kritik.

Das hessische Sozialministerium arbeitet derzeit an einem Konzept, das über die Zukunft der Flüchtlingserstaufnahmen entscheiden wird – viele der Einrichtungen sind nicht mehr ausgelastet. Bisher ist nichts über die Pläne nach außen gedrungen. Ärzte und Psychologen vom Alexander-Mitscherlich-Institut in Kassel wollen nun erfahren haben, dass bereits im Juni kleinere Einrichtungen geschlossen werden sollen.

Das sagten Dr. Gertraud Schlesinger-Kipp (psychologische Psychotherapeutin) und Dr. Peter Kramuschke (Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie) im Gespräch mit der HNA. Sie gehören dem „Arbeitskreis Flüchtlinge“ am Alexander-Mitscherlich-Institut in Kassel an. Ihre Informationen sollen aus gut informierten Kreisen stammen. Demnach soll es bald nur noch größere Einrichtungen mit mehr als 500 Plätzen wie die in Calden geben. Das Regierungspräsidium Kassel und das Sozialministerium äußerten sich dazu nicht.

Negative Auswirkungen

Aus Sicht des Arbeitskreises, dem weitere Ärzte und Psychologen angehören, ist diese Entwicklung ein schlechtes Zeichen. Schlesinger-Kipp und Kramuschke sehen eine Reihe von negativen Auswirkungen für die Flüchtlinge, die mit dem Leben in großen Lagern verbunden sein könnten.

Seit September 2015 haben die beiden sich mit über 20 weiteren Kollegen in acht Erstaufnahmen in Nordhessen ehrenamtlich engagiert, mit den Bewohnern das Gespräch gesucht, Sorgen genommen und Konflikte entschärft. „Wir haben über 250 erwachsene Flüchtlinge sowie ca. 40 Kinder behandelt“, sagt Schlesinger-Kipp. Aufgrund der guten Erfahrungen bieten sie seitdem einmal wöchentlich eine Sprechstunde in einigen Einrichtungen an, zu der die Menschen freiwillig kommen können. „Der Bedarf ist groß“, sagt Kramuschke.

Sorgen sich um das Wohl der Flüchtlinge: Dr. Gertraud Schlesinger-Kipp (rechts) und Dr. Peter Kramuschke vom Alexander-Mitscherlich-Institut in Kassel. Foto: Dittrich

Vonseiten der Behörden seien für die Lager keine Psychotherapeuten vorgesehen, sagt Schlesinger-Kipp. Klagten Bewohner über Beschwerden, würden diese Probleme medizinisch behandelt, nicht aber die seelischen Ursachen. Schon heute lösten einige Flüchtlinge ihre Probleme deshalb mit Alkohol, andere bekämen Depressionen, Angstzustände und psychosomatische Beschwerden, sagt die Psychotherapeutin Schlesinger-Kipp.

Der Arbeitskreis hat aber noch eine weitere Befürchtung: bald die ehrenamtliche Arbeit in den Unterkünften gar nicht mehr fortsetzen zu können. Das RP Kassel lässt das Engagement in den Einrichtungen zu – auch, weil sich der Sozialdezernent am RP Kassel dafür einsetzte (siehe Hintergrund). Nach den Infos des Arbeitskreises soll die Zuständigkeit für die Einrichtungen in Nordhessen bald an das RP Gießen gehen. „Dort durften unsere Kollegen nicht in die Unterkünfte“, sagt Schlesinger-Kipp. In einem Brief an das Sozialministerium hat sich der Arbeitskreis nun für kleinere Flüchtlingseinrichtungen und den Erhalt des Projektes starkgemacht – der Brief vom 21. März blieb unbeantwortet.

Die Vorteile kleinerer Einrichtungen

In ihrem Brief an das hessische Sozialministerium, der vom Arbeitskreis Flüchtlinge des Alexander-Mitscherlich-Instituts unterzeichnet wurde, nennen die Mitglieder unter anderem folgende Vorteile von kleinen Flüchtlingseinrichtungen:

Große Einrichtungen mögen zwar kostengünstiger sein, allerdings könnten durch kleinere Einrichtungen Kosten für Gewaltprävention und Integration gespart werden.

Aus folgenden Gründen:

• Konflikte unter Bewohnern sowie dem Personal ließen sich in kleineren Einrichtungen leichter entschärfen.

• In kleineren Einrichtungen würden Notlagen von Bewohnern, aber auch den Mitarbeitern, leichter erkannt – somit könnte leichter mit psychologischer Hilfe interveniert werden.

• Austausch unter Anwesenheit eines Psychologen / Psychotherapeuten für die verschiedenen Berufsgruppen werde in einem kleineren Lager niederschwelliger angefragt und führe zur Entlastung der Mitarbeiter.

• Die Deeskalation von Konflikten sei auch geeignet, die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Aufnahme von Flüchtlingen zu verbessern.

Daher lautet die zentrale Forderung des Arbeitskreises: kleinere Einrichtungen (bis höchstens 500 Plätze) zu erhalten.

Erstaufnahmen

Das Land Hessen betreibt nach dem Wegfall der Landesfeuerwehrschule noch sieben Erstaufnahme-Einrichtungen in Stadt und Kreis Kassel:

• Bereitschaftspolizeigelände, Niederzwehren (260 von 600 Plätzen belegt, Stand: 1 April.)

• Lüttichkaserne, Marbachshöhe (64 von 200)

• Veterinäruntersuchungsamt,

Druseltalstraße (90 von 180)

• Fuldatal-Rothwesten,

Fritz-Erler-Kaserne (281 von 500)

• Lohfelden, Gartenmarkt (90 von 750)

• Calden, alter Flugplatz (274 von 500)

• Beberbeck (29 von 280)

Hinzu kommen unter anderem Einrichtungen in den anderen Landkreisen in Nordhessen. 12 700 Menschen befinden sich hessenweit in Unterkünften.

Hintergrund: Leistungsumfang und Kritik

Psychische Behandlung: Schon im vergangenen Jahr kritisierte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz: Bisher erhielten Flüchtlinge in den ersten 15 Monaten nur sehr „extrem eingeschränkte“ Leistungen. „Psychische Erkrankungen werden von den Sozialbehörden in der Regel nicht dazugezählt.“

Experten schätzen, dass die Zahl der psychisch Erkrankten unter Flüchtlingen um ein Mehrfaches höher ist als in der Allgemeinbevölkerung.

Kritik vom Sozialdezernenten des RP Kassel: Auch der Sozialdezernent beim Regierungspräsidium Kassel, Dr. Ulrich Keusch, selbst Internist und Psychiater, äußerte sich kürzlich in einem Artikel der FAZ, dass seelische Leiden häufig unerkannt blieben. Die psychischen Probleme und fachliche Hilfe würden unterschätzt, wird Keusch in dem Artikel zitiert. Er gründete daraufhin ein psychotherapeutisches Versorgungsnetz für Flüchtlinge, dem maßgeblich auch der Arbeitskreis für Flüchtlinge vom Mitscherlich-Institut angehört.

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