"Lost Place" in Kassel wird häufig als Fotomotiv genutzt

Charme der 50er-Jahre: Denkmalgeschützter Fullepavillon seit Jahren ungenutzt

Unterneustadt. Im Stadtgebiet gibt es einige unscheinbare Bauwerke, die wegen ihrer Bauweise unter Denkmalschutz stehen. Einer von ihnen ist der Fullepavillon in der Unterneustadt.

Früher war hier eine belebte Gastronomie, jetzt steht er zum Verkauf.

Wirkt verlassen: Der Fullepavillon an der Leipziger Straße wurde 2002 umfassend renoviert und dann mehrere Jahre gastronomisch genutzt. Jetzt steht er zum Verkauf.

Viele Kasseler haben viele Erinnerungen an frühere Zeiten, als auf dem Messeplatz noch Kirmesbuden standen. Jetzt findet sich der einstige Messepavillon im Internet bereits als „Lost Place“ wieder. Lost Places sind verlassene Orte, die von der Natur zurückerobert werden und eine beliebte Kulisse für Fotoaufnahmen sind, um den Verfall zu dokumentieren. „Aber es ist im Moment einfach nur so, dass wir nicht die Zeit haben, den Fullepavillon außen herum in Schuss zu halten“,sagt Joachim Rodewald. Und der zugewucherte Grünstreifen daneben gehöre auch nicht zum Pavillon, sondern sei städtisches Gelände. Der Kasseler betreibt einen Markthandel und hatte vor gut zehn Jahren zusammen mit Christoph Schäfer den Fullepavillon vom Verein Reisender Marktkaufleute und Schausteller erworben, in dem er auch selbst Mitglied ist.

Der Verein hatte das denkmalgeschützte Bauwerk 2002 aus dem städtischen Besitz gekauft und aufwendig renoviert. Unter Denkmalschutz stehen das Treppenhaus, das sich als Rundbau an der Gebäudewand entlangzieht. Außerdem die mit Backsteinen gebaute Außenwand. Auch die gräuliche Farbe der Fassade muss bleiben.

Nach der Renovierung war die Immobilie mehrere Jahre an ein Gastronomenpaar vermietet, bevor Tasos Taverne aus Platzgründen in die Seglergaststätte am Bugasee umgezogen ist. Seitdem steht der Fullepavillon leer. „Eine weitere Vermietung ist uns zu aufwendig“, sagt Rodewald. Wir wollen den Pavillon deshalb verkaufen.

Gute Zeiten: Zahlreiche Sitzplätze im Biergarten und auf den Außenterrassen des Fullepavillons.

„Das zweigeschossige Gebäude ist von innen größer als man denkt“, zeigt Rodewald. In dem Schankraum, schätzt er, sei mindestens Platz für 30 Personen, wenn man einen Durchbruch zum jetzigen Büromachen würde sogar für noch mehr. Die Küche teilt den großen Gastraum und einen kleinen Raum für den Straßenverkauf. Im Untergeschoss sind großräumige Sanitäranlagen zu finden. Alles laut Rodewald in einem Zustand, dass man als Gastronom sofort starten könnte. Immer wieder beeindruckend sei, dass man auf der hinteren Terrassenfläche kaum etwas von der vierspurigen Leipziger Straße mitbekomme, die unmittelbar vor dem Gebäude herführt. Auch die angrenzende Grünfläche würde noch Möglichkeiten für einen Biergarten bieten, der auch bislang von der Stadt immer gewünscht gewesen sei. Aber auch eine andere Nutzung wie beispielsweise eine Wohnung sei denkbar.

Heute können sich nur noch die alteingesessenen Kasseler an den unbebauten Messeplatz erinnern. Nur noch die drei Stufen von der Leipziger Straße zur Unterneustadt erinnern an die frühere Nutzung. Ursprünglich wurde der Pavillon zu Messezeiten als Stützpunkt der Polizei genutzt. Im Untergeschoss gab es dann sogar Arrestzellen. Mittlerweile versinkt das Bauwerk zwischen den Neubauten und dem QVC-Gebäude.

„Mein Wunsch wäre, dass spätestens zur documenta wieder Leben einkehrt“, sagt Rodewald. Bereits zur letzten Weltkunstschau habe es im Pavillon eine Ausstellung gegeben.

Hintergrund: Architektur der 1950er-Jahre

Die Architektur der 1950er-Jahre ist geprägt von der Not der Zeit, von dem Umgang mit den Zerstörungen durch den Krieg. Bewusst wurde bei der Bauweise auf Rationalität gesetzt. Von außen sind kunstvoll gestaltete Türen, Türgriffe, Mosaike, Plastiken und Buntverglasungen kennzeichnend. Im Inneren bestimmen oft im Rundbau geformte Treppenhäuser die Bauwerke.

Die Experimentierfreudigkeit bei den Materialien zeigt sich in schlanken Konstruktionen, ausschwingenden Dächern, frei schwingenden Betontreppen oder zarten Fensterprofilen. Farbe wird als gestalterisches Ausdrucksmittel genutzt.

Rundgang durch den Fullepavillon

Denkmäler im Mini-Format

Weitere Kioske im Flair der 1950er-Jahre

In der Innenstadt: Das leer stehende Trafohäuschen auf dem Lutherplatz.

Der Fullepavillon ist nicht der einzige Pavillon in Kassel, der unter Denkmalschutz steht. Ein weiteres Beispiel ist der 1959 errrichtete Blumenkiosk am Florentiner Platz, der aus architekturgeschichtlichenGründen geschützt wird. Seine Gestaltung, Farbgebung und sein Material sind bezeichnend für die 1950er-Jahre. Denkmalgeschützt ist auch der Kiosk am Hauptbahnhof, dessen Grundriss an ein Schlüsselloch erinnert. Den Entwurf dafür lieferte 1956 Kurt Twelker. Ebenfalls sehr bekannt ist das Trafohäuschen am Lutherplatz. 1959 erbaut und seit 2014 Baudenkmal, wird ein Teil des Häuschens von den Städtischen Werken betrieben, die das Bauwerk auch bald sanieren wollen. Anschließend soll das Gebäude auch weiter als Trafostation genutzt werden.

Hintergrund: Was ist ein Denkmal?

Denkmalschutz bedeutet im Grunde das Unter-Schutz-Stellen eines Objektes, um es vor baulichen Maßnahmen oder dem Abriss zu schützen. Dafür muss dieses Objekt nachweisbare Denkmaleigenschaften besitzen. Das können geschichtliche Gründe sein, wie der Erinnerungswert eines Gebäudes. Oder wissenschaftliche Gründe, worunter auch Architektur und Baukunst fallen. Für Denkmäler im Allgemeinen sind die Bundesländer zuständig und dort jeweils das Amt für Denkmalschutz. Der Eigentümer eines Denkmals ist dazu verpflichtet, es instand zu halten. Allerdings muss der ursprüngliche Charakter des Denkmals erhalten bleiben.

Rubriklistenbild: © Malmus

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